Ein ganzes halbes Jahr (Jojo Moyes, 2015, Rowohlt-Verlag)

Ein ganzes halbes Jahr (Jojo Moyes, 2015, Rowohlt-Verlag)

„Wieso hast du das Recht, mein Leben zu zerstören, und ich darf bei deinem nicht mitreden?“ (Lou in „Ein ganzes halbes Jahr“)

Louisa Clark ist 26 Jahre alt und wohnt zusammen mit ihren Eltern, ihrem Großvater und gelegentlich ihrer Schwester (inklusive deren Sohn) in einem kleinen Haus in Stordford unterhalb der Burg. Sie hat einen Freund, Patrick und arbeitet in einem kleinen Café, um ihre Familie finanziell zu unterstützen. Bekannt ist sie für ihren etwas eigenen Modestil, sie trägt gerne auffällige Farben und Second-Hand Kleidung. Louisa führt ein ruhiges Leben, in dem sie so weit eine Zukunft haben könnte. Doch eines Tages verkündet ihr Chef ihr, dass das Café schließen muss und sie ist schneller ihren Job los als sie gucken kann.

Louisa braucht also schnellstens einen neuen Job, da es ihrer ja so intelligenten Schwester unmöglich ist, der Familie zu helfen. Da es aber quasi keine Jobs in ihrer Umgebung gibt, ist sie gezwungen, einen Pflegejob im Grant House auf der anderen Seite der Burg anzunehmen.

So trifft Louisa auf Will. Will Trainor, Anfang dreißig, war einst ein erfolgreicher Unternehmer. Doch nach einem Unfall hat ihn eine fast vollständige Lähmung in den Rollstuhl verbannt. Er ist Tetraplegiker und weiß, dass sein Leben nie mehr so wird wie früher einmal. Aber ihm ist auch bewusst, dass er dieses Leben unter keinen Umständen führen will. Lou soll ihm im Alltag helfen, klar, wenn man weder Hände noch Füße noch sonst irgendwas bewegen kann wird es alleine auch schwierig. Aber ist das wirklich ihr einziger Job? Und warum geht ihr Arbeitsvertrag nur sechs Monate lang? Kann Louisa es schaffen, Will zu zeigen, wie schön das Leben sein kann? Kann sie ihm sein Leben wieder lebenswert machen?

Oh meine Güte, dieser Roman ist so lustig und traurig, schön und grausam, abstoßend und zum Verlieben – es ist die volle Portion an Gefühlen. Jojo Moyes hat ein wunderbares Werk verfasst, in dem sie den Wert des Lebens wunderbar hervorhebt. Louisa ist ein Mensch, den jeder von uns in seinem Leben gebrauchen könnte – immer lebensfroh und nie unterzukriegen (auch wenn sie von sich selbst etwas anderes denkt). Ich bewundere sie und denke mir jetzt so manches Mal, dass ich auch gerne ein bisschen so wäre wie sie.

Dieser Roman hat mir aber auch die Augen geöffnet. Wie kann es sein, dass sich ein Tetraplegiker nichts mehr wünscht als zu sterben? Was macht unsere Gesellschaft falsch? Diese Fragen habe ich mir beim Lesen gestellt und nicht selten habe ich Muster aus meinen Erfahrungen wiedererkannt. Es muss nicht ausschließlich Louisas auf unserer Erde geben, aber ein kleiner Hauch ihrer würde niemandem schaden – und dabei spreche ich von Kleinigkeiten, wie zum Beispiel, dass man sich über nichts mehr freut als über eine … – lest den Roman selber, es lohnt sich! Dass man echt etwas mitnimmt, merkt man kaum, denn es ist auch einfach nur lustig zwischendurch.

Ich habe den Roman als Hörbuch gehört und kann auch diese Fassung total empfehlen! Er wird gelesen von Luise Helm und es ist genial, wirklich! Und was noch genialer ist – es gibt noch einen zweiten und einen dritten Band! 😊

Lena

Und? Über was hat sich Louisa zu ihrem Geburtstag so gefreut? Und wie dachtet ihr, dass die Geschichte ausgeht?

Restart (Gordon Korman; 2017 – Scholastic)

Restart (Gordon Korman; 2017 – Scholastic)

Stell dir vor, du wachst ohne Erinnerungen auf. Du erkennst weder deine eigene Familie, noch kennst du deinen eigenen Namen. Was würdest du tun?

Als der 13-jährige Chase in einem Krankenhaus aufwacht, kann er sich nur noch ans Fallen erinnern. Leider muss er erfahren, dass er sich bei dem darauffolgenden Aufprall nicht nur den Arm gebrochen und eine Gehirnerschütterung zugezogen, sondern auch sein Gedächtnis verloren hat. Amnesie nennen das die Ärzte. Zum Glück kann er sich an normale Dinge erinnern, wie beispielsweise, dass man zur Schule geht oder wie man Football spielt. Allerdings hat er alles, was ihn persönlich betrifft, vergessen. Nicht mal seine eigene Familie kann er erkennen.

Als er wieder zur Schule geht, muss er feststellen, dass jeder eine Meinung zu ihm hat. Wer sind seine Freunde? Warum kennen ihn alle? Nach und nach findet er heraus, dass er vor dem Sturz kein wirklich netter Mensch war. Doch wie kann man sich für Dinge entschuldigen, wenn man sich nicht mal erinnern kann, sie getan zu haben? Ist es überhaupt möglich, ein neuer Mensch zu werden, wenn einen alle ständig mit seinem alten Ich vergleichen?

Shoshanna kann es nicht fassen. Chase Ambrose, der Junge, der ihren Bruder so sehr gemobbt hat, dass dieser die Schule wechseln musste, soll nett geworden sein? Erst hat er mit Brendan, einem anderen seiner Opfer, Mittag gegessen und ihm sogar beim Drehen eines Kurzfilms geholfen, und jetzt soll er auch noch Mitglied des Video-Clubs werden? Bald muss sie feststellen, dass Chase sich wirklich sehr verändert hat. Doch ist das überhaupt möglich? Und was, wenn er gar nicht wirklich Amnesie hat? Denn ein Vorfall lässt sie daran zweifeln…

Die Storyline dieses Romans hat mir sehr gut gefallen. Gordon Korman hat mich häufig an den Punkt gebracht, mich zu fragen, wie ich in der Situation gehandelt hätte. Die Geschichte ist aus der Ich-Perspektive geschrieben, wechselt aber zwischen Chase, Shoshanna, Brendan und weiteren Charakteren. Die vielen Perspektiven helfen dabei, ein eigenes Bild von den Situationen zu entwickeln und ein differenzierteres Bild von den Personen aufzubauen. Das Buch ist noch nicht auf Deutsch erschienen, im Englischen aber leicht verständlich geschrieben. Obwohl der Protagonist erst 13 ist, richtet es sich an keine bestimmte Altersgruppe – die geschilderten Erfahrungen sind einfach interessant.

Majlis

Was wäre eure erste Reaktion, wenn ihr mit Amnesie aufwacht? Welche Meinung der Hauptcharaktere könnt ihr am besten nachvollziehen?

Whalea (Laura Ventur; 2021 – epubli)

Whalea (Laura Ventur; 2021 – epubli)

Ein Kühlschrank kann das eigene Leben ganz schön aufwirbeln. Kein gewöhnlicher Kühlschrank, natürlich nicht. Doch wie hätte Ben ahnen sollen, dass dieser Kühlschrank kein gewöhnlicher ist?

Benjamin von Thalau ist ein Frankfurter Anwalt in seinen Dreißigern. Nichts läuft in seinem Leben schief – zumindest bisher. Doch dann zerbeult ihm eine wildfremde ältere Frau mit ihrer Handtasche sein Auto und er entschließt sich, ihr hinterherzugehen. Schließlich muss sie für den Schaden aufkommen! Als er bei ihrer Wohnung ankommt, ist diese verlassen. Die Haustür steht offen. Er tritt ein und sieht sich um. In der karg eingerichteten Wohnung fällt der große, aber leere Kühlschrank mit der offenen Tür deutlich auf. Ben tritt näher. Zu nah. Er wird er in den Kühlschrank hineingesogen und wacht in einer völlig fremden Welt wieder auf. 

Rosas Laune ist bereits im Keller, als der Mann sie fast anfährt. Kurzerhand entschließt sie, sich für den Schreck zu rächen und knallt ihre Handtasche auf sein Auto. Wie gut es tut würde, danach endlich die Menschenwelt zu verlassen und nach Whalea zurückzukehren! Leider muss sie feststellen, dass Silas das Portal, das als Kühlschrank getarnt ist, nicht ordnungsgemäß geschlossen hat. Jetzt kann sie es nicht mehr benutzen. Und dann stolpert auch noch dieser Ben in ihre Küche.

Whalea ist eine Welt voller Wunder. Hier leben Hexen, Drachen, Elfen und andere phantastische Geschöpfe. Vor langer Zeit gab es viele Whaleaner, die regelmäßig die Welt der Menschen besuchten. Als es aber zu Hexenverbrennungen kam und die Menschen die Geschöpfe Whaleas nicht mehr achteten, wurden dessen Grenzen geschlossen. Allein wenige eigens ausgebildete Wächterinnen haben noch immer eigene Portale und sehen auf beiden Seiten nach dem Rechten. Zu ihnen gehört auch Rosa, die zwischen den Welten hin und her zu reist. Leider funktioniert das nur, wenn der Zugang auf beiden Seiten geschlossen ist. Ansonsten entsteht ein Sog, der aber noch in die eine Richtung funktioniert.

So wird es für Rosa kompliziert: Wie soll sie Ben bloß nach Hause zurückbringen? Dieser ist zwar fasziniert von Whaleas Natur und Fabelwesen, aber versteht, dass es Menschen strengstens verboten ist, diese Welt zu betreten. Die einzige Chance der beiden besteht darin, das Hauptportal in der Walpurgisnacht zu benutzen. Gut, dass sie für diese gefährliche Aktion Rosas Freunde auf ihrer Seite haben. Doch was, wenn jemand sie entdeckt? Oder wenn Ben gar nicht gehen möchte?

Ein total schöner Roman, in den man eintauchen kann! Laura Ventur hat sich eine faszinierende Fantasiewelt ausgedacht. Mir haben besonders die Rückblicke auf Rosas Vergangenheit und die detaillierten Beschreibungen dieses außergewöhnlichen Ortes gefallen. Das Buch ist aus der dritten Person geschrieben, woran ich mich erst gewöhnen musste. Allerdings kamen dadurch die verschiedenen Sichtweisen der Hauptcharaktere besser zum Ausdruck. Der Roman lässt sich schnell lesen und doch intensiv in die Welt von Whalea eintauchen.

Majlis

Welcher Fantasy-Aspekt hat euch am meisten fasziniert? Konntet ihr Bens Entscheidungen nachvollziehen? 

Die Schnüfflerin – Handlungsorte (Anne von Vaszary; 2020; Knaur-Verlag)

Die Schnüfflerin – Handlungsorte (Anne von Vaszary; 2020; Knaur-Verlag)

Sie riecht etwas, was du nicht siehst …

Die von einem One-Night-Stand schwangere Nina wird in einem Restaurant beinahe zum Opfer eines Giftanschlags. Dank ihres plötzlich so ausgeprägten Geruchssinns probiert sie nicht von der Zwiebelsuppe, an der die anderen Gäste auf Grund von untergemischtem Zyankali sterben. Unter den um Luft ringenden Gästen ist auch der Vater ihres Kindes … Doch das soll nicht Ninas einzige Sorge bleiben. Denn als einzige Überlebende rückt sie in den Fokus der Ermittlungen. Ist sie ein Opfer? Oder die Täterin? Oder kann sie gezielt bei den Ermittlungen helfen? Um ihre Unschuld zu beweisen, macht sie sich auf den Weg durch Berlin und landet dabei an den verschiedensten Orten …

Mit Orten verbinden wir eine ganze Menge, das kann keiner leugnen. Die meisten Menschen haben einen Ort, den sie als ihr Zuhause bezeichnen würden, einen Ort, an den sie immer zurückkommen können. Jeder Ort ist verbunden mit Erinnerungen. Da gab es den ersten Kuss am Strand, den fürchterlichen Streit mit der besten Freundin im Park oder den wunderbaren Urlaub in Griechenland. Manche dieser Orte würde man meiden, andere jedoch immer wieder aufsuchen, nur um sich zu erinnern.

Auf ihrer Suche nach Beweisen für ihre Unschuld kommt Nina an vielen Orten vorbei. Sie lässt sich treiben von den Ermittlungen und von ihrer Nase, geht dort hin, wo sie eine bestimmte Erinnerung vermutet, sei es ihre eigene oder die eines möglichen Täters oder einer möglichen Täterin. Zu Beginn befindet sie sich jedoch im „Oscars“, dem französischen Restaurant, wo der Giftanschlag passiert. Ein recht vornehmer Ort mit den weißen Tischdecken und den Kerzen, wie Nina findet, nur vermisst die das Toilettenpapier auf den Sanitäranlagen, weswegen sie gezwungen ist, ein fremdes Taschentuch anzunehmen …

Einen bedeutenden Teil ihrer Zeit verbringt sie auch in ihrer Wohnung, naja, in der Wohnung ihrer Freundin, die nie dort ist. Charakteristisch ist leider der Rauchgeruch, da Nina vor kurzem dummerweise ihr Bett angezündet hat, die Geschichte dazu solltet ihr selber lesen. Ansonsten gibt es eine Küche, ein Wohnzimmer und zwei Schlafzimmer, wo sie in der Zeit, die sie sicherheitshalber Zuhause verbringen soll, viel Zeit zum Nachdenken hat und auf so einige schlaue Gedanken kommt …

Was wäre ein guter Krimi ohne verschiedene Fährten? So bleibt Nina nicht in Berlin, sondern folgt mit dem Kommissar einer heißen Spur bis nach Rügen an die Ostsee, um dort eine Pension von möglichen Tätern aufzusuchen. Ob sie dort erfolgreich waren? Irgendwas scheint sie wieder nach Berlin zu bringen, denn ein nächster bedeutender Ort ist die Eichstraße. In der Wohnung einer Frau, bei der der Vater ihres Kindes scheinbar eine geraume Zeit verbracht hat, stößt sie auf Spuren, die ihr bei der Ermittlung helfen könnten. Allerdings stößt sie nicht nur auf Spuren, ganz offensichtlich ist dort auch noch jemand außer ihr …

Über die letzten zwei Orte mag ich nicht so viel sagen, denn diese beiden halten noch eine Hand voll Überraschungen bereit. Aber sagen wir mal so: Die unscheinbarsten Orte und hässlichsten Tapeten in einem Kinderzimmer können einen ganz schön schnell ins Krankenhaus bringen …

Spannend, spannend … Nina auf ihrer Reise zu folgen hat mir sehr viel Spaß gemacht! Sie ist ein spannender Charakter und an jedem Ort haben sich wieder neue Hinweise oder Rätsel versteckt. Da gab es auch noch den Wald und den Coffee-shop … Wenn ihr wissen wollt, was es damit noch auf sich hat, dann rate ich euch unbedingt, den Krimi zu lesen! Es lohnt sich!

Wir verlosen auch ein Exemplar dieses Buches. Schaut dazu entweder auf unserem Instagram-Account vorbei und erfüllt dort die Teilnahmebedingungen oder schreibt uns unter diesen Beitrag eure persönliche Antwort auf die unten stehenden Fragen!

Lena

Dieser Beitrag ist Teil einer Themwoche zu besagtem Krimi. Weitere spannende Beitrage findet ihr auf folgenden Blogs: www.ricysreadingcorner.de www.lesendes-federvieh.de www.thefantasticworldofmine.de und www.leseengel.blogspot.com

Wenn ihr das Buch gelesen habt oder auch nur unsere Ausführung – welcher Ort hat es euch am meisten angetan? Und wo würde eure Nase euch hinführen, wenn ihr so ein ausgeprägtes Gespür hättet?

My sister’s keeper (Jodi Picoult; 2004 – self-published)

My sister’s keeper (Jodi Picoult; 2004 – self-published)

“If you have a sister and she dies, do you stop saying you have one? Or are you always a sister, even when the other half of the equation is gone?”

Diese Gedanken macht sich die 13-jährige Anna Fitzgerald, die geboren ist, um ihrer Schwester Kate, die an Leukämie leidet, das Leben zu retten. Eigentlich ein ehrenwerter Job, oder? Aber wie würdest du damit umgehen, wenn du weißt, dass es dich nur gibt, weil deine Schwester todkrank ist? Da ist es doch selbstverständlich, dass Anna sich fragt, was wäre, wenn Kate gesund gewesen wäre …

Anna möchte nicht mehr spenden. Seit sie ein Baby ist, stand es nie zur Diskussion, ob sie ihr Blut oder ihre Stammzellen spenden möchte. Es war eben so und wenn Kate etwas brauchte, dann war es klar, dass Anna auf Feriencamps oder Geburtstage verzichtete. Doch so möchte sie nicht weiterleben. Anna wünscht sich, selber über ihr Leben entscheiden zu können und ihr Leben in der eigenen Hand zu haben. Anlass für diese Gedanken ist die Spende einer Niere, die Annas Leben für immer beeinflussen würde …

So nimmt sie sich einen Anwalt und zieht vor Gericht. Sie möchte erreichen, dass sie medizinische Entscheidungen selber treffen darf und in diesem Punkt unabhängig von ihren Eltern wird. Doch erteilt man einem 13-jährigen Mädchen diese Macht? Und wie stehen ihre Eltern und viel wichtiger – ihre Schwester dazu?

Ich bin beeindruckt von dem Roman! Er ist aus den verschiedenen Perspektiven geschrieben, also bekommt man Einblicke in die Gedanken aller Familienmitglieder, sowie in die der am Prozess beteiligten Personen. Ich musste meine anfängliche Meinung zu einigen Personen auf Grund dessen auch so manches Mal revidieren, da sich hinter einer harten Schale nicht selten ein weicher Kern versteckt – und andersherum. Zudem konnte ich mich sehr gut in Anna hineinversetzen: Einerseits möchte sie ihr Leben selber in die Hand nehmen und andererseits möchte sie nicht für den Tod ihrer Schwester verantwortlich sein. Und es gibt da auch noch ein paar andere Faktoren, die sie in ihrer Entscheidung beeinflussen …

Ich habe mich häufig gefragt, wie ich in so einer Situation handeln würde. Ich habe versucht, mir vorzustellen wie es ist, mit einem Grund geboren zu sein. Und ich habe angefangen Kate genauso zu lieben wie es Anna und ihre Familie tun – und so vielen mit einige Passagen im Roman umso schwerer. Ich kann dieses Buch jedem empfehlen! Wirklich, es thematisiert auf einem sehr angenehmen Weg ethische Probleme und die Geschichte ist zugleich interessant, herzerwärmend und auch etwas hart zu lesen.

Lena

Tja, welche Frage hier kommt ist wohl klar, oder? Wie hättet ihr an Annas Stelle gehandelt? Und hatte noch jemand Tränen in den Augen, als der Roman zuende war?

Auerhaus (Bov Bjerg; 2015 – atb)

Auerhaus (Bov Bjerg; 2015 – atb)

„Die Zeit im Auerhaus, das sei seine schönste Zeit gewesen. Das hat er in das Buch geschrieben“

Höppner, Frieder, Vera, Cäcilia, Pauline und Harry – die Bewohner des Auerhauses.

1982 – Höppner muss mal von zu Hause weg. Er kann den neuen Freund seiner Mutter einfach nicht mehr ertragen. Da kommt ihm Frieder gerade recht. Frieder hatte versucht sich umzubringen und kam danach in die Psychiatrie am Rand der Stadt. Jetzt wurde er entlassen, aber er möchte auf keinen Fall wieder zu Hause einziehen. Eine WG mit Höppner bietet sich an. Da dieser aber nicht alleine für Frieder verantwortlich sein möchte, zieht auch Vera mit ein. Die wiederum möchte aber nicht das einzige Mädchen sein und nimmt ihre Freundin Cäcilia mit. Als dann Pauline, Frieders Freundin aus der Psychiatrie, entlassen wird, wird sie auch Mitglied der WG. Woher Harry kommt, weiß keiner so genau, aber eines Tages war er halt auch irgendwie dabei. 

Die Jugendlichen genießen ihre Freiheit: Schmeißen Partys, werden zu Kleinkriminellen und essen nach einem Knoblauch-Unfall drei Wochen lang Tzaziki. Doch es gibt auch die andere Seite der Auerhausbewohner, wenn sie in langen Gesprächen über Gott und die Welt, Leben und Tod philosophieren. Wie funktioniert die Liebe? Was macht man nach der Schule? Wie ist es zu sterben? Und zwischen all den anderen Fragen steht immer wieder die eine im Raum: Wird Frieder es nochmal versuchen?

Dieser Coming-of-Age Roman hat mir echt gut gefallen. Inhaltlich hat die Geschichte mich an „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf erinnert. Der Roman ist mit Witz geschrieben und  Bov Bjerg ist es gut gelungen, auch über schwierige Themen sehr klar und verständlich zu schreiben. Zwischendrin fand ich es etwas anstrengend, da ich mich mit keinem der Charaktere gut identifizieren konnte, aber es hat trotzdem Spaß gemacht, von ihren Erlebnissen und Gesprächen zu lesen. Besonders die verrückten Aktionen der Sechs haben mich zum Lachen gebracht. Ich kann den Roman allen Jugendlichen und „Tschick“- Fans empfehlen.

Majlis

Wen der Sechs mochtet ihr am liebsten? Habt ihr schon mal in einer WG gewohnt, bzw. würdet ihr das gern?

The Hate U Give (Angie Thomas; 2017 – cbt)

The Hate U Give (Angie Thomas; 2017 – cbt)

“THUG LIFE – The Hate U Give Little Infants F*ck Everybody” – Diese Zeile des Rappers 2pac hören Starr und ihr bester Freund Khali kurz bevor sie im Auto von der Polizei gestoppt werden. Ein Moment, der alles verändert.

Starr lebt in einem Vorstadtghetto in den USA. Obwohl ihr Leben zunächst unbeschwert erscheint – sie hat zwei Brüder, ihre Mutter ist Ärztin und ihr Vater besitzt einen Laden – ist ihr Alltag ganz schön tough. Drogenhandel, Gang-Kämpfe oder Unruhen sind ein fester Bestandteil ihrer täglichen Erfahrungen. Entsprechend abgehärtet verhält sie sich in ihrem Heimatviertel.

Allerdings hat Starr auch eine ganz andere Seite: Die Williamson-Starr. Die Williamson ist die fast ausschließlich weiße Privatschule, auf die ihre Eltern sie schicken, da die Ausbildung an einer Schule in ihrem Viertel nichts wert sei. Zusammen mit ihren Freundinnen Maya und Hailey und ihrem festen Freund Chris verhält sie sich höflicher, weniger aufbrausend und „weißer“, wie sie es nennt. Obwohl sie eine der wenigen Schwarzen an der Schule ist, erfährt sie dort kaum Rassismus und fühlt sich wohl. 

Doch dann wird Khali erschossen.

Bei einer Verkehrskontrolle.

Einfach so.

Grundlos.

Von einem weißen Polizisten.

Trauer und Wut. Und Entscheidungen: Verteidigt Starr Khali öffentlich oder bleibt sie still? Erzählt sie von Khalis kleinkrimineller Vergangenheit, damit die Leute ihn nicht nur „Thug“ oder „Drogendealer“ nennen, aber riskiert damit den Zorn des mächtigsten Gang- Oberhauptes in ihrem Viertel? Erzählt sie ihren weißen Freunden von dem Vorfall, muss sie sich endgültig entscheiden: Ist sie die Ghetto-Starr oder die Williamson-Starr? Oder kann sie beides sein?

Der Roman hat mich umgehauen. Nicht nur super eindrücklich, sondern auch sehr lehrreich und spannend erzählt Angie Thomas von den immer noch vorhanden Rassismus-Problemen in den USA. Gerade jetzt, wo „Black Lives Matter“ top aktuell ist, empfiehlt es sich wirklich, diesen Roman zu lesen. Denn obwohl dies eine fiktive Geschichte ist, gibt es leider viel zu viele wirkliche Geschichten wie diese, die auf rassistischen Handlungen basieren. Starrs Geschichte hat mich genau so traurig, wütend und fassungslos gemacht, wie sie selbst. Am liebsten wäre ich mit ihr auf die Straßen gegangen und hätte mit ihr für Gerechtigkeit gekämpft. 

Majlis

Wie hättet ihr an Starrs Stelle gehandelt? Habt ihr schon mal Alltagsrassismus mitbekommen?

Die Charité (Ulrike Schweikert, 2018 / 19; Rowohlt-Verlag)

Die Charité (Ulrike Schweikert, 2018 / 19; Rowohlt-Verlag)

„Nur wer sich bewegt, spürt seine Fesseln.“ (Rosa Luxemburg)

Hoffnung und Schicksal

In Berlin fürchtet man sich 1831 sehr vor der Cholera. Der erste offizielle Fall wird auf einem Spreekahn identifiziert, wo ein Schiffer einen grausamen Tods erlebt. Die Ärzte in der Charité, unter ihnen ist auch ein Arzt namens Dieffenbach, haben alle Hände voll zu tun und suchen verzweifelt nach einem Heilmittel. Doch nicht nur die Männer kämpfen in diesen dunklen Zeiten, auch die Frauen haben ihre ganz eigenen Kämpfe auszufechten. So such die in einer Ehe gefangenen Gräfin Ludovica in den Gesprächen mit Doktor Dieffenbach Trost, die Hebamme Martha tut alles, um ihrem Sohn die bestmöglichste Zukunft zu bescheren und die junge Pflegerin Elisabeth verliebt sich nicht nur in der für sie nahezu unerreichbare Medizin, sondern verbotenerweise auch in einen jungen Arzt …

Aufbruch und Entscheidung

Im Jahr 1903 schafft es Rahel Hirsch, die erste Ärztin an der Charité zu werden. Sie ist eine leidenschaftliche und geschätzte Forscherin, wird von ihren männlichen Kollegen aber weitgehend nicht akzeptiert. So wie Rahel jeden Tag zu spüren bekommt, dass der Kampf um die Gleichberechtigung noch lange nicht ausgefochten ist, merkt auch Barbara, eine Wäscherin der Charité, dass Männer die Frauen weiterhin als ihren Besitz betrachten. Obwohl die beiden Frauen aus den verschiedensten gesellschaftlichen Schichten kommen, bildet sich eine Freundschaft, in der jeder seinen eigenen Kampf ficht: Rahel setzt sich in der Charité durch und versucht in ihrem zielstrebigen Alltag auch noch Platz für ihre Liebe zu einem jungen Fliegerpionier zu finden, und Barbara kämpf für die Rechte der Arbeiterinnen und das Frauenwahlrecht. Aber dann bricht der erste Weltkrieg aus und nicht nur das Leben der beiden Frauen wird grundlegend verändert …

Die beiden Romane erzählen vor allem von der Geschichte des wohl berühmtesten Krankenhauses in Deutschland. Die Erfolge und Tiefschläge werden eindrücklich beschrieben und die medizinischen Vorgänge werden einleuchtend, aber nicht zu kompliziert in die Geschichte eingebunden. Aber neben der Charité werden auch die Kämpfe der Frauen behandelt, zunächst, wie sie um die einfachsten Rechte wie die Arbeit kämpften und dann auch um das Wahlrecht und das Recht, in der Arbeit aufzusteigen. Im zweiten Roman wird außerdem sehr berührend geschildert, wie der Erste Weltkrieg Deutschland überrollte. Und wo es auf der einen Seite Kriegsbegeisterung gab, gab es auf der anderen Seite die bangenden und arbeitenden Frauen in der Heimat.

Ich habe beide Romane geliebt und verschlungen! Die Medizin interessiert mich sehr und obwohl ich es abschreckend fand, wie man im 19. Jahrhundert operiert hat, war ich begeistert von den Entdeckungen, die dann gemacht wurden. Toll fand ich, dass die Autorin viele reale Personen eingebracht hat. So fand man Paul Ehrlich und Robert Koch, aber auch die Protagonisten der Bücher, Rahel und Professor Dieffenbach gab es wirklich. Des Weiteren ist es Ulrike Schweikert bestens gelungen, den Kampf der Frauen in ihren Roman einzubinden.

Ich kann diesen Roman bedingungslos allen Lesern empfehlen, die ein bisschen wissenschaftlich und geschichtlich interessiert sind, wobei diese Bücher aber leicht zu lesen sind!

Lena

Welcher Roman hat euch mehr ergriffen? Und glaubt ihr, ihr hättet immer den Mut und die Kraft gehabt, so zu kämpfen, wie Martha, Elizabeth, Rahel und Barbara es getan haben? 😊

Ich bin Circe (Madeline Miller; 2018 – Eisele)

Ich bin Circe (Madeline Miller; 2018 – Eisele)

Circe – eine sagenumwobene Powerfrau! Bekannt als mächtige Hexe, die Odysseus‘ Männer in Schweine verwandelte. Wie konnte sie das? Und was geschah, nachdem Odysseus die Insel verlassen hatte? 

Circe, Tochter des Helios, wächst als schwarzes Schaf der Familie auf. Sie wird von ihren Geschwistern gehänselt und fühlt sich nirgendwo richtig willkommen. Als sie unbeabsichtigt die Nymphe Skylla in das gleichnamige Seeungeheuer verwandelt, wird sie von Helios und Zeus in die Verbannung geschickt. Von nun an lebt sie auf einer kleinen Insel Names „Aiaia“.

Dort entdeckt sie nicht nur ihre Magie, sondern auch, dass sie sich diese hart erarbeiten muss. Sie erforscht die einsame Insel und lernt die Tiere und Pflanzen kennen. Erfindet Tränke und wird immer besser in dieser „Naturmagie“. Als sie kurzzeitig aus ihrer Verbannung entlassen wird, um ihrer Schwester bei der Entbindung des Minotaurus zu helfen, trifft sie auf Dädalus, der sie sehr fasziniert. Aber sie lernt nicht nur ihn kennen. Obwohl sie weiterhin in Verbannung lebt, trifft sie viele verschiedene Menschen, die sich wie Odysseus im Laufe der Jahrhunderte auf ihre Insel verirren.

Da Circe unsterblich ist, hat sie viel Zeit zum Nachdenken. Und bei all den verschiedenen Menschen, die sie kennenlernt, stellt sie sich immer wieder die Frage: Wer bin ich und wer möchte ich sein? 

Genau wie „The song of Achilles“ hat mir Madeline Millers Roman unglaublich gut gefallen. Mit einer Mischung aus klassischer Literatur und Fiktion zeigt sie Circes Kindheit und ihr Leben als Hexe von Aiaia aus deren Perspektive. Besonders toll fand ich die Atmosphäre, die in diesem Roman vermittelt wird. Madeline Miller schafft es, auch die traurigen oder brutalen Szenen aus Circes Leben auf eine schöne Weise darzustellen. Mich hat es überrascht, in wie vielen griechischen Sagen, die ich bereits kannte, Circe beteiligt ist. 

Ich kann den Roman allen Mythologie-Freaks empfehlen. Falls ihr noch keine seid – es lohnt sich trotzdem ; )

Majlis

Kanntet ihr schon vorher mehr Sagen über Circe als nur die Odyssee? Hat euch diese Buch oder „The song of Achilles“ besser gefallen?

Wovon du träumst (Kira Gembri; 2017 – Arena-Verlag)

Wovon du träumst (Kira Gembri; 2017 – Arena-Verlag)

„Menschen können dich im Stich lassen, aber dein Instrument begleitet dich durch Zorn, Kummer und Freude, und es passt immer perfekt zu dir.“ (Nick in „Wovon du träumst“)

Emilia zieht zum Studieren nach Wien, um dort endlich ihre Träume zu verwirklichen: Zum Beispiel möchte sie in ein Konzert gehen, Klavier spielen und den Regen hören. Aber Emilia ist taub und in ihrer Familie kann keiner nachvollziehen, wie gerne sie hören und Musik wahrnehmen können würde. Im Studentenwohnheim trifft sie auf Nick, einen Jungen mit schiefem Grinsen und einem scheinbar großen Interesse an Partys und (verschiedenen!) Mädchen, und ausgerechnet er will ihr helfen, ihre Träume zu verwirklichen!?

Unterschiedlicher könnten Emilias und Nicks Welten nicht sein, aber was Emilia nicht weiß: Nick hütet ein Geheimnis. Früher war seine Geige einmal sein Ein und Alles, nach einem tragischen Ereignis ging seine Karriere jedoch plötzlich den Bach runter und er verlor sich in einer Welt zwischen Erwartungen, Träumen und Verzweiflung. Emilias und Nicks Welten scheinen also doch nicht ganz so verschieden zu sein, wie Emilia zu Anfang dachte. Aber kann die Liebe zur Musik die Welt der Hörenden und die Welt der Gehörlosen vereinen? Und können sie sich beide, jeder für sich, ihre größten Träume verwirklichen?

Der Roman ist abwechselnd aus der Sicht von Emilia und Nick geschrieben, wodurch man als Leser schon sehr früh mehr über die Protagonisten weiß als sie über den jeweils anderen. Dies ist der Grund, weswegen man Dinge und Handlungen von vornherein anders beurteilen kann, als die beiden es tun. Und trotzdem ist es mir gelungen, mich durchweg in die beiden hineinzuversetzen. Kira Gembri hat es geschafft, mich sowohl in die Welt der Gehörlosen eintauchen zu lassen als auch in die Welt eines musikalischen Wunderkinds, das durch den Erfolg gebrochen wurde.

Im Besonderen hat mir die Beschreibung der Gefühle sehr gut gefallen. Denn in einer Familie, in der alle Mitglieder taub sind, sind ganz andere Dinge wichtig als in einer musikbegeisterten Familie. Zusammen mit Nick habe ich diese Erfahrung machen müssen und andersherum habe ich mit Emilia lernen müssen, dass das Erfüllen von Träumen nicht immer mit einem Schrei getan ist …

Ich habe den Roman durchgängig geliebt und verschlungen und ich kann ihn allen Lesern empfehlen, die sich so wie ich einerseits für die Welt der Gehörlosen interessieren, andererseits aber auch für die Musik. Denn ich könnte ohne Musik nicht leben, verstehe also Nick und finde es gleichzeitig faszinierend, wie Emilia die Musik ebenfalls so sehr lieben kann.

Lena

Wer war noch so beeindruckt, dass Emilia dermaßen gut Lippen lesen konnte? Und könnt ihr Nicks Ehrgeiz verstehen oder teilt ihr eher Emilias Meinung und zählt auf den Spaß? 😊