Die Klänge der Freiheit (Tara Haigh, November 2021, Tinte & Feder)

Die Klänge der Freiheit (Tara Haigh, November 2021, Tinte & Feder)

Wie klingt Krieg? Wie klingt Frieden? Und wie klingt Freiheit?

Die junge Frau Inge aus Nürnberg tritt 1943 ihren Dienst als Schwester des Deutschen Roten Kreuzes im Dienst der Wehrmacht zum Missfallen ihres Vaters an. Entgegen ihrem Wunsche, nach Nordafrika versetzt zu werden, muss sie in das Lazarett in Charkow, ein Ort, der an der Ostfront von Deutschen und Russen umkämpft wird. Die passionierte Geigenspielerin kämpft dort Tag und Nacht für das Leben der Soldaten und lernt die Grausamkeit des Krieges mit aller Härte kennen. Nach einiger Zeit eröffnet ihr der deutsche Offizier Preuss die Möglichkeit, mit ihm nach Italien zur Abtei Montecassino zu gehen und Inge ergreift die Chance, dem Kriegslazarett zu entkommen. Doch sie ist sich nicht ganz sicher, inwiefern sie Preuss, der offen um sie wirbt, trauen kann, denn obwohl er ein Kunstkenner ist und ihr Geigenspiel zu schätzen weiß, ist er Nationalsozialist und sein einiges Ziel ist der Endsieg.

Inge muss sich entscheiden. Kann sie dem Offizier, der ihr eventuell das Leben gerettet hat, trauen? Entscheidungen über Entscheidungen zwischen Liebe und Verrat und Zukunft und Vergangenheit …

Der Roman ist aus der Sicht von Inge erzählt, jedoch ist nicht sie es, die spricht. Man bekommt als Leser so aber einen tiefen Einblick in Inges Gedanken, Hoffnungen und Träume. Die Geschichte könnte man in zwei Teile teilen – zunächst die Zeit in Charkow, anschließend ihr italienisches Leben. In Charkow werden das Lazarett, die Vorgänge, die Probleme, die Verzweiflung und die Hoffnung sehr eindrücklich beschrieben, sodass man als Leser den Eindruck hat, dabei zu sein. Und auch in Italien spürt man den Sonnenschein auf der Haut, aber auch die Angst, die Wut und die Kraft der Menschen bleiben einem nicht verborgen.

Mir haben diese realistischen Schilderungen Inges‘ Leben besonders gut gefallen und so schwer es auch war, mit ihr im Lazarett zu operieren, so sehr konnte ich mich dann aber auch freuen, wenn sie jemanden retten konnte. An Preuss habe ich schon die ganze Zeit zu knapsen gehabt. Sollte sie ihm trauen? War es richtig, dass sie ihm nach Italien gefolgt ist? Ich war bis zum Ende unentschlossen, habe aber meine Antwort letztendlich aus unerwarteten Gründen gefunden …

Ich kann diesen Roman allen Lesern empfehlen, die sich für die medizinische Seite des Krieges interessieren. Was passierte hinter den Kulissen? Wie war so ein Lazarett strukturiert. Und dann – was für eine Beziehung herrschte zwischen Deutschland und Italien? Die Antworten auf diese Fragen findet ihr in dem Roman und es lohnt sich wirklich!

Lena

Der Roman beschäftigt sich immer wieder mit Klängen. Es geht um Krieg, Frieden und Freiheit. Aber kann man diese Gefühle hören? Und wo trifft man auf diese Geräusche? Kennt ihr sie? Wie stellt sie ihr euch vor? Teilt und das gerne mit, ich hatte vor dem Lesen dieses Buches auch andere Vorstellungen, als es dann war.

Antwortet uns auf diese Fragen und teilt uns bis Sonntag, den 28.11.2021 mit, was für Vorstellungen ihr im Kopf habt! Denn dann landet euer Name gleich im Lostopf für – ein Gewinnspiel! Ja genau, wir verlosen ein Exemplar! Also los, wir sind gespannt! 🙂

Ihr könnt diese ganze Woche noch Beiträge rund um diesen Roman auf folgenden Blogs finden: denkzeiten.com, fraugoetheliest.wordpress.com, tesbuecherblog.blogspot.de, spiegelseelen.blogspot.de, kunterbuntebuecherreisen.wordpress.com

Am Ende sterben wir sowieso (Adam Silvera, 2017, Atrium Verlag AG)

Am Ende sterben wir sowieso (Adam Silvera, 2017, Atrium Verlag AG)

„Und dann weint er schließlich, […] weil das größte Verbrechen heute Nacht war, dass er seinen besten Freund nicht zum Abschied umarmen konnte.“ (Malcolm in „Am Ende sterben wir sowieso“)

Hat sich nicht jeder schon einmal Gedanken darüber gemacht, ob es erstrebenswert wäre zu wissen, wann und wie man stirbt? Würden wir anders leben, wenn wir wüssten, dass unser Leben wirklich jeden Moment zu Ende sein könnte? Und würden wir uns bereit fühlen?

Mateo und Rufus wissen, wann sie sterben. Denn am 5. September bekommen die beiden einen Anruf von dem Todesboten, dass sie keine 24 Stunden mehr zu leben haben. Das ist nichts Ungewöhnliches, denn jeden Tag sterben Menschen, die vorher vom Todesboten informiert wurden, aber Rufus und Mateo sind erst 17 und 18 Jahre alt und alles andere als bereit zu sterben. Die beiden wissen, dass der Tod nicht zu stoppen ist und beschließen aus unterschiedlichen Gründen, ihren letzten Tag auf der Erde mit einem letzten Freund zu verbringen. An diesem einen Tag haben sie beide noch ein ganzes Leben vor sich und so einiges zu erledigen und zu verarbeiten, bevor sie sich für immer verabschieden müssen …

Rufus und Mateo beschreiben im Wechsel deren letzten Tag, zwischendurch haben aber auch mal andere Personen, die irgendwie eine Rolle in deren Leben spielen, etwas zu sagen. Der Leser begleitet die beiden Jungs einen Tag lang durch ihre Stadt und lernet die beiden durch die Berichte und durch die Augen des jeweils anderen erst richtig kennen. Adam Silvera kennt in diesem Fall echt keine Gnade und bringt den Leser hoffnungslos zum Weinen. Das Schwierigste beim Lesen ist, dass man die ganze Zeit eine Ahnung hat, wie es ausgeht und damit mit den beiden Jungs einen Haufen letzter Male und Abschiede erlebt, aber die Hoffnung, dass doch noch alles gut wird, bleibt.

Ein harter Brocken, ich würde fast sagen, Granit. So viele Tränen habe ich bei noch keinem Buch vergossen und das auch einfach mal zwischendurch, weil es den Leser zutiefst berührt, was Rufus und Mateo an nur einem Tag erleben und lernen. Sie lernen an einem Tag mehr über sich und das Leben als es andere Menschen in einem ganzen Leben tun.

Ich fand das Buch großartig. Das mag vielleicht bis hierhin noch nicht so klingen, aber es ist eine Lektüre, die einen über so viele Dinge nachdenken lässt und den Leser auch zwingt, sich mit dem Tod zu beschäftigen. Was würde ich machen, wenn ich erfahren würde, dass ich heute sterben werde? Wen würde ich bei mir haben wollen? Würde ich drüber sprechen? Was würde ich zu einer geliebten Person sagen, wenn ich wüsste, dass sie sterben würde? Und wäre ich bereit? Diese Fragen und noch viele mehr sind mir beim Lesen durch den Kopf gegangen und sie tun es auch jetzt noch. Aber ich fühle mich noch nicht bereit zu gehen und das Buch hat mich gelehrt, dass man, wie schon James Dean sagte, jeden Tag leben soll, als wäre es unser letzter. Plötzlich werden Kleinigkeiten wichtig, die man vorher als selbstverständlich betrachtet hat und die Augen werden offener, der Geist wacher.

Ich kann dieses Buch wirklich jedem empfehlen! Es ist zugleich eine wunderschöne und super traurige Geschichte, aber man setzt sich mal mit einem Thema auseinander, das man sonst, gerade in seinen jungen Jahren, gerne mal zur Seite schiebt.

Lena

Denkt mal über die Fragen nach und wenn ihr eine Antwort für euch gefunden habt, teilt sie uns gerne mit. Dann erfahrt ihr vielleicht auch, was wir an unserem letzten Tag auf Erden noch machen wollen würden …

Das Wolkenvolk (Kai Meyer; 2006, 2007,2011 – Loewe)

Das Wolkenvolk (Kai Meyer; 2006, 2007,2011 – Loewe)

Seide und Schwert (Band 1)
Lanze und Licht (Band 2)
Drache und Diamant (Band 3)

Ein Junge, der auf den Wolken lebt, ein Mädchen, das im Herzen ein Drache ist und ein falscher Drache, der eigentlich ein Mensch ist. Was könnten diese Drei gemeinsam haben? Ganz einfach: Sie alle suchen einen echten Drachen.

1760 in einer Fantasy-Version Chinas zur Zeit der Chin-Dynastie. 2000 Meter über dem Reich der Mitte schwebt die Wolkeninsel. Mit Hilfe einer geheimnisvollen Substanz, dem Äther, hat sich die riesige Wolke verfestigt und schwebt seit einem Vierteljahrtausend über die ganze Erde. Auf der Wolke lebt das Wolkenvolk. Niemand aus diesem Volk weiß noch, warum die Wolke fliegt und wie der Äther funktioniert Das liegt auch daran, dass das Lesen, Bücher und Bildung auf der gesamten Insel verboten sind. Wer sich dieser Regel widersetzt, wird zum Ausgestoßenen. So geschah es auch dem Jungen Nicolo und seinem inzwischen verstorbenen Vater. Allerdings interessiert sich das Oberhaupt der Insel doch auf einmal wieder für Nicolo, als die Wolkeninsel abstürzt und sich mitten in China zwischen drei Berggipfeln verkeilt. Nicolo ist der Einzige, der die Landessprache beherrscht, und er wird mit dem Auftrag zum Erdboden geschickt, neuen Äther zu finden, der angeblich nichts anderes als Drachenatem sein soll.

Dort trifft er auf Nugua. Nugua ist unter Drachen aufgewachsen. Sie hatte nie Kontakt zu anderen Menschen und sieht sich trotz ihres menschlichen Äußeren als Drachen an. Doch nachdem sie eines Tages aufgewacht ist – alleine und ohne eine Spur der Drachen – muss sie sich zwangsläufig in die Zivilisation begeben. Auch sie sucht die verschollenen Drachen, die so etwas wie ihre Familie sind.

Kurz nachdem die beiden aufeinandertreffen, finden sie einen dritten Weggefährten mit demselben Ziel: Ein Mann namens Feiking in einem Drachenkostüm. Dieses ist ihm angewachsen, seit er ohne Erinnerung an sein früheres Lebens auf dem Drachenfriedhof, einem für Menschen verbotenen Ort, aufgewacht ist. Der Wächterdrache habe ihn verflucht. Auch er möchte also einen Drachen finden, um seine Erinnerung und seine normale Gestalt zurückzubekommen.

Die Sache hat einen Haken: Der einzige Anhaltspunkt der Drei ist der Drachenfriedhof, doch niemand, nicht einmal die Drachen selbst, weiß, wo dieser liegt. Als die Gefährten auf einen der acht Unsterblichen, Li, und die Schwertmeisterin Wisperwind treffen, müssen sie auch noch feststellen, dass ihre Geschichten nur Puzzleteile zu einem deutlich größeren und schwerwiegenderen Problem sind. Zu dessen Lösung haben, wenn überhaupt, nur die Drachen eine Antwort. Doch wie sollen die Gefährten sie bloß finden? Und was hat der Äther damit zu tun?

Dies ist einer meiner liebsten Buchreihen. Ich bin grundsätzlich kein Fan davon, Bücher ein zweites Mal zu lesen. Allerdings mag ich es manchmal, Bücher, die ich schon kenne, zu hören. Das erste Mal habe ich diese Buchreihe in der Weihnachtszeit vor vier Jahren gelesen. Seitdem habe ich es jedes Jahr wieder gehört. Die verschiedenen Handlungen und parallel laufenden Geschichtsstränge werden einfach nicht langweilig. Kai Meyer hat eine wunderbare Erzählsprache, die einen sofort in die Geschichte eintauchen lässt. Zudem offenbaren sich manche Geheimnisse erst nach und nach, sodass man als Leser gut miträtseln kann. Ich kann die Reihe allen empfehlen – das Alter spielt hier keine Rolle.

Majlis

Könntet ihr so mutig sein wie die Abenteurer? Welches Volk, wie die Drachen oder das Wolkenvolk, hättet ihr am liebsten als Heimat?

Save me (Mona Kasten, 2018 – Lyx)

Save me (Mona Kasten, 2018 – Lyx)

Save you (Band 2) – Save us (Band 3)

Ihr größter Traum ist ein Studium in Oxford. Deshalb will sie sich in diesem Jahr mehr denn je auf die Schule konzentrieren. Kein Platz für Partys, Alkohol oder Jungs. Schließlich sind die Studienplätze in Oxford heiß umkämpft.

Für ihn ist Oxford eher ein Albtraum. Klar ist es toll, dort zu studieren, aber dieses Schuljahr ist sein letztes in Freiheit, bevor es ernst wird. Kein Platz für langweiligen Schulkram – er will Spaß haben. 

Ruby geht seit zwei Jahren auf das Maxton-Hall-College – eine Privatschule in England. Eigentlich könnten ihre Eltern sich das gar nicht leisten, aber Ruby hat ein Stipendium bekommen. In dieser glamourösen Umgebung mit Schülern, denen Geld und Macht das Allerwichtigste sind, ist es ihr bisher gar nicht so schwer gefallen, quasi unsichtbar zu sein. Sie bevorzugt es, nicht im Mittelpunkt zu stehen. Lieber zieht sie die Fäden hinter den Kulissen – im Veranstaltungskomitee, das sie gemeinsam mit ihrer Freundin Lynn leitet. 

Eigentlich sollte alles genau so bleiben, wie es ist, aber dann erwischt Ruby eine Schülerin mit ihrem Geschichtslehrer. Leider nicht irgendeine Schülerin, sondern Lydia Beaufort – die Tochter der beiden bekanntesten Modeunternehmer in ganz England. Dieses Geheimnis könnte den Ruf der ganzen Familie zerstören. Ruby möchte eigentlich nichts lieber, als die ganze Sache zu vergessen. Doch am nächsten Tag steht James Beaufort – Lydias Zwillingsbruder – vor ihr und will sie mit einem Bündel Geldscheinen zum Schweigen bringen. Ruby will weder sein Geld noch die Aufmerksamkeit, die alleine durch dieses kurze Gespräch auf sie gelenkt wurde. 

Kurzerhand entschließt sie sich, diesen arroganten Schnösel zu ignorieren. Das ist allerdings gar nicht mehr so einfach, als dieser nach einem seiner Streiche dazu verdonnert wird, im Veranstaltungskomitee mitzuarbeiten …

In dem Roman und auch in den Folgebänden sprühen Funken in alle Richtungen. Nicht nur die Liebesgeschichte zwischen Ruby und James ist in diesen Büchern von einem Auf und Ab voller Geheimnisse, Lügen, Intrigen, aber auch Freundschaft und Hoffnung geprägt. Kann Rubys Leben am College wieder ganz normal werden? Oder spielt sie für einige Menschen doch eine größere Rolle, als sie wahrhaben möchte?

Mir hat diese Buchreihe unglaublich gut gefallen! Besonders, dass sie mal aus Rubys und mal aus James‘ Perspektive geschrieben ist. In den Folgebänden kommen auch noch Rubys Schwester Amber und James‘ Schwester Lydia als Erzählerinnen dazu. Durch Mona Kastens lebhaften Schreibstil kann man die legendären Maxton-Hall-Partys quasi vor sich sehen. Auch die prunkhafte Schule kann man Seite an Seite mit Ruby durchqueren. Die Geschichte zeigt auch, wie wichtig Freunde und Geschwister sind. Eine eindeutige Empfehlung für alle – allerdings könnte es zwischendrin auch etwas kitschig werden…

Majlis

Würdet ihr gerne auf eine Privatschule wie die Maxton-Hall gehen? 

Sternflüstern (Paula Carlin, 2021, Diedrichs-Verlag)

Sternflüstern (Paula Carlin, 2021, Diedrichs-Verlag)

„Sternflüstern! Dieses Leuchten, das sich wie eine Berührung auf alles  legte, das geheimnisvolle, leise Knistern, das von der freudigen Aufregung sprach, die wir spürten, weil wir am Leben sein durften, in diesem Sommer, an diesem Tag, in diesem Garten, zwischen allem, das so groß war: dem himmelsstürmenden Gelb der Sonnenblumen, dem trotzigen Grün des Klees mitten im verdorrten Rasen, dem Duft des Schmetterlingsflieders, dem bodenlosen Blau der Trichterwinden, dem plötzlichen Flöten der Amsel, der wir mit dem Regenschauer aus dem Schlauch ein Geschenk gemacht hatten.“ (Irith über das Sternflüstern)

Sternflüstern, kennt ihr es? Der gleichnamige Roman handelt von einem Neuanfang, von einer neuen Orientierung an einer Weggabelung des Lebens. Die 56-jährige Irith versucht ihre Trauer über den Tod ihres Freundes Lunis zu überwinden, indem sie weiter im Hotel arbeitet und sich irgendwie durch das Leben kämpft. Dabei trifft sie auf die 20 Jahre jüngere Sophie, die zunächst nicht viel von sich preisgibt, aber auch sie hat etwas zu verarbeiten. So schließen sich die beiden Frauen zusammen und vereinen ihre kreativen Talente in einem gemeinsamen Projekt, einem großen Mosaik des Lebens. Allerdings hat Irith einer ihr unbekannten Alix noch ein Päckchen von Lunis zu übergeben, das in ihrem Schrank verstaubt. Zusammen mit Sophie rafft sie sich auf, diese ominöse Alix zu finden. Bei ihrer Begegnung stellt sich heraus, dass auch Alix etwas zu erzählen hat, nur was? Und was verbindet diese drei Frauen?

Sie stehen alle an einem Scheideweg und müssen sich neu orientieren? Doch können sie in ihrem alten Leben wieder Fuß fassen? Oder trauen sie sich nochmal einen Neuanfang zu?

Der Roman beschreibt auf eine sehr eindrucksvolle Art und Weise, wie heilsam es sein kann, sich von seinem alten Leben zu lösen und mal einen Schnitt zu machen und an einer Weggabelung abzubiegen, anstatt geradeaus weiterzugehen. Die Begegnung der Frauen wird aus der Sicht von Alix beschrieben, jedoch wird die Beschreibung immer wieder unterbrochen durch Rückblenden in ihre Zeit mit Lunis, sodass er in der gesamten Geschichte präsent ist. Es ist auch er, der den Leser mit Sätzen wie „Kneifen gilt nicht. Du musst immer wieder über deine Grenzen gehen, sonst betrügst du dich um deine Möglichkeiten.“ oder „Nur die Gegenwart ist wichtig. Nur die Gegenwart ist Leben.“ immer wieder zum Nachdenken anregt.

Mir hat das Buch unglaublich gut gefallen. Ich brauchte ungefähr 50 Seiten, um in die Geschichte einzutauchen, da es ein sehr eigener Erzählstil ist, der vor allem beschreibt. Für den ein oder anderen mag es dadurch ein wenig anstrengend zu lesen sein, da man sich sehr viel vorstellen muss. Aber sobald man einmal in der Welt drin ist, ist sie so farbenfroh und detailreich wie keine andere und es macht sehr viel Spaß, das Haus des Fuchses durch die Augen von Alix zu entdecken …

Vielleicht gibt es ja jemanden von euch, der gerade auch an einer Weggabelung des Lebens steht und noch nicht so recht weiß, ob er rechts oder links abbiegen soll. Euch kann ich dieses Roman wärmstens empfehlen, denn ob er euch nun hilft oder nicht, er erweitert euren Horizont um Farben und Formen, die euch vielleicht noch nicht immer präsent waren …

Lena

Kennt ihr das Sternflüstern? Wie ist es bei euch aufgetreten?

Das Leben wie sie es liebten (Anni Bürkl, 2021, Edition Texte und Tee)

Das Leben wie sie es liebten (Anni Bürkl, 2021, Edition Texte und Tee)

„Das Leben wie sie es liebten“ ist der Auftakt zu drei Romanen über die bindende Kraft der Liebe im Leben dieser Frauen und ihrer Kinder – in einem Jahrhundert voll politischer Zerrissenheit.

1938 – Die junge Frau Loretta Patzak arbeitet in der Nervenheilanstalt ihres Vaters, ebenso wie ihr Mann Marek. Das Sanatorium befindet sich im sudetenländischen Reichenberg, das im zweiten Weltkrieg deutsch wird. Nach der Niederlage der Deutschen jedoch werden diese restlos aus dem Gebiet vertrieben und so verliert Loretta ihren geliebten tschechischen Mann aus den Augen …

1946 – Nach ihrer Vertreibung findet Loretta bei ihrer Tante Emmy in Wien Unterschlupf. Nach einigen anfänglichen Schwierigkeiten arrangieren sich die beiden miteinander und nehmen, zunächst gezwungenermaßen, sowohl die stille Ingrid als auch die Haushälterin Paula, die vor ihrem Mann floh, mit ihrer Tochter bei sich auf. Vervollständigt wird das Grüppchen von der fröhlichen Briefträgerin Ursula, die sich mit Loretta anfreundet und häufig bei der kleinen Wohngemeinschaft ein- und ausgeht. Die fünf Frauen überleben gemeinsam, indem sie Essen, Erfahrungen und Sorgen teilen und immer zusammen Lösungen zu suchen finden.

Um endlich Marek wiederzufinden, wendet sich Loretta an den russischen Besatzer Major Artjom, für den Loretta Ingrids neuen, amerikanischen, Liebhaber bespitzeln soll. Auf dieser Suche nach Spuren ihres aus den Augen verlorenen Liebhabers findet Loretta allerdings nicht nur Antworten auf ihre eigentlichen Fragen, denn plötzliche kommen auch noch andere, eigentlich verschollene, Geheimnisse aus dem Sudetenland zu Tage …

Anni Bürkl lässt sich Geschichte zum einen im Wechsel von den verschiedenen Frauen erzählen, zum anderen wechselt sie aber auch zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit. Man könnte meinen, dass man als Leser dadurch einen kleinen Vorteil gegenüber den Protagonisten hat, da man die Personen und die Umstände ja einzeln kennenlernt, jedoch bleibt die frappierende Überraschung am Ende trotzdem nicht aus. Ich war begeistert und geschockt zugleich, den der Roman verdeutlicht zwar einerseits, was wahre Freundschaft bedeutet und wie wichtig diese sein kann, andererseits fiel es mir aber echt schwer zu fassen, was damals in Nervenheilanstalten, die unter der Führung der Nationalsozialisten liefen, passierte.

Die Autorin arbeitet ein wichtiges, grausames und schwer zu begreifendes Stück der deutschen Geschichte sehr greifbar in ihrem Roman auf und durch die literarisch recht leichte, intellektuell jedoch zentnerschwere Lektüre bekommt man einen wunderbaren Einblick in diesen Teil Geschichte. Ich habe den Roman verschlungen und kann ihn eigentlich jedem empfehlen! Vielleicht kennt jemand auch die Reihe von Melanie Metzenthin – „Im Lautlosen“ / „Im Stimmlosen“ … – ? Wenn ihr diese Bücher gerne gelesen habt, dann ist „Das Leben wie sie es liebten“ in jedem Fall auch etwas für euch!

Lena

Hättet ihr das Ende erahnt? Für mich war es irgendwie total unvorhersehbar …

The gilded ones (Namina Forna; 2021 – Usborne)

The gilded ones (Namina Forna; 2021 – Usborne)

Deka wächst in Otera auf, einer fiktiven Welt, in der es für Frauen keine Rechte gibt. In Otera müssen alle Mädchen mit 16 an einem Ritual teilnehmen, bei dem ihr Blut für rein erklärt wird. Erst dann werden sie zur Frau und müssen ihr Gesicht mit einer Maske verhüllen. Doch was, wenn ihr Blut unrein ist?

Deka war schon immer Außenseiterin, denn durch die Süd-oterische Hautfarbe ihrer verstorbenen Mutter sticht sie in ihrem Dorf Irfut im Norden des Landes ziemlich heraus. Auch deshalb ist sie so nervös am Tag des Rituals. Dabei hat ihr Vater ihr tausendmal versichert, dass alles gut gehen wird. Schließlich wurde zuletzt vor mehreren Generationen ein Dämon gefunden – die Bezeichnung für Mädchen mit unreinem Blut. Doch dann wird Dekas Dorf von sogenannten „Deathshrieks“ angegriffen. Monstern, die eine große Bedrohung für ganz Otera darstellen. Und noch während Panik ausbricht, muss Deka feststellen, dass in ihren Adern goldenes und kein normal rotes Blut rinnt. Ihre Welt versinkt im Chaos. 

Sie ist also ein Dämon. Unsterblich. Zumindest fast. Sie kann nur auf eine einzige Art getötet werden – und die kennt nicht mal sie selbst. Nachdem sie mehrere Monate in einer Gefängniszelle verbringen muss, wird sie endlich von einer Abgesandten des Kaisers gerettet. Deka erfährt, dass es viel mehr unreine Mädchen in ganz Otera gibt, als sie dachte. Nun reist sie gemeinsam mit ihrer neuen Freundin Britta, auch eine gerettete Dämonin, in die Hauptstadt, um mit anderen Mädchen trainiert zu werden. Trainiert, um ihre einzigartigen neuen Kräfte zu nutzen, aber vor allem trainiert, um diese gegen die Deathshrieks zu verwenden. 

Endlich ist Deka nicht mehr fehl am Platz, inmitten all der anderen Verstoßenen. Hier können die Alaki, so werden die Mädchen jetzt genannt, endlich Freunde finden und sich zu Hause fühlen. Doch dann entdeckt sie Fähigkeiten an sich, die keine der anderen zu haben scheint. Ist sie etwa immer noch nicht an dem Ort, an den sie gehört? Nach und nach offenbart sich ihr, dass nichts ist, wie sie es immer geglaubt hat….

„Ich wollte schon immer ein Buch schreiben, das Mädchen zeigt, dass sie Heldinnen sein können und dass sie für das Richtige kämpfen können.“ – Namina Forna

Das ist ihr auch ziemlich gut gelungen. Zum Einen ist Dekas Geschichte total fesselnd und es macht Spaß, mit ihr gemeinsam nach und nach alle Puzzelteile zusammenzufügen. Zum Anderen zeigen diese Mädchen in einer fiktiven Welt, wie stark Mädchen und Frauen sein können und dass sie sich niemals von Männern unterdrücken lassen sollten. Es fiel mir am Anfang schwer, alles zu verstehen, da es viele erfundene Namen und Bezeichnungen gibt, aber da gewöhnt man sich dran. Einige Szenen sind sehr brutal, im Kontext passt das jedoch.

Ich kann den Roman sehr empfehlen. Für alle, denen das Buch gefällt – nächstes Jahr soll ein zweiter Band erscheinen! 🙂

Majlis

Die Geschichte ist ja sehr vielseitig: Feminismus, Freundschaft, Kämpfe, Geheimnisse,… Welcher Aspekt hat euch am besten gefallen, bzw. war für auch am wichtigsten?

Die deutsche Version findet ihr unter „Die Göttinen von Otera – Golden wie Blut“, die im Loewe Verlag erschienen ist.

10 Tage im Herzen der Ferne (Nico Mateew; 2021, self-publisher)

10 Tage im Herzen der Ferne (Nico Mateew; 2021, self-publisher)

„Wer wenig braucht ist frei.“ (Zitat aus ‚10 Tage im Herzen der Ferne‘)

Was macht man, wenn man einen gut bezahlten und sicheren Job in einer großen Firma hat, der einen aber eigentlich nicht erfüllt? Und woran merkt man das? Ist es einem plötzlich klar oder ist es ein Prozess, in dem man immer unzufriedener wird?

Nico Mateew beschreibt diesen Vorgang und die Flucht daraus in seinem Buch „10 Tage im Herzen der Ferne“. Zunächst wird die Entwicklung des Managers in der besagten Firma beschrieben, in der er sich zunehmend die Frage stellt, ob es überhaupt jemand merken würde, wenn er plötzlich nicht mehr da wäre … Auf einer Reise in Bulgarien beschließt er, für 10 Tage rauszukommen und wegzufahren. Doch wohin?

Das Ziel wird Albanien. Und weil er nicht einfach nur Urlaub machen möchte, sucht er sich zwei Begleiter, mit denen er einen Film drehen möchte – eine Dokumentation über ein unbekanntes Land, seine Menschen und deren Küche. Doch einmal in Albanien angekommen funktioniert sein Plan plötzlich nicht mehr so, wie er es sich vorgestellt hat und auch er muss lernen, sich auf das Land einzulassen. Bei diesem Prozess entstehen spannende, interessante, lustige und bewegende Gespräche, die einen Albanien von seiner ganz eigenen Seite kennenlernen lassen …

Dieses Buch thematisiert sehr anschaulich und verinnerlichend die Wirkung von Vorurteilen. So besteht ja häufig zum Beispiel ein gewisses Misstrauen gegenüber der Bevölkerung der in manchen Teilen etwas weniger entwickelten osteuropäischen Länder, jedoch ist es eigentlich so, wie Jetmir im Buch sehr treffend formuliert: „Die Gedanken sind frei, und derjenige, der kompliziert denkt, ist ein Problem für sich selbst, andere wissen ja nicht, dass man schlecht über einen denkt.“

Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich einen Augenblick gebraucht habe, um die Geschichte gerne zu mögen, denn der Alltag in der Firma hat sich sehr gezogen. Aber letztendlich war es genau das, was am Ende diese besondere Wirkung hervorgerufen hat. Man soll Vorurteile begraben, offen für Neues sein und den Tag leben und nutzen, das ist die Nachricht von diesem Buch. Mateew schreibt in seinem Nachwort ein Zitat von Sir Philip Anthony Hopkins auf: „Keiner von uns kommt hier lebend raus. Also hört bitte auf, euch als Nebensache zu betrachten. Esst köstliches Essen. Spaziert im Sonnenschein. Springt in den Ozean. Sagt die Wahrheit und tragt eure Herzen auf der Zunge. Seid albern. Seid nett. Seid komisch. Für nichts anderes ist Zeit.“

Habt ihr so auch schonmal gedacht? Dann lest unbedingt dieses Buch! Habt ihr nicht so gedacht? Lest das Buch trotzdem! Denn es öffnet einem wirklich die Augen und man lernt nochmal die ein oder andere Seite von sich selbst kennen …

Lena

Und? Wer hat Lust, nach Albanien zu fahren? Und ging es euch auch schonmal so in einem Land?

Jahre aus Seide (Ulrike Renk, 2020, Aufbau-Taschenbuch-Verlag)

Jahre aus Seide (Ulrike Renk, 2020, Aufbau-Taschenbuch-Verlag)

„Wenn ich einmal nicht mehr auf dieser Welt bin, dann sehen meine Enkel und Urenkel aus diesem Buch, dass meine Jugend, so schön sie mir von meinen Eltern auch gemacht wurde, doch nicht so sorgenlos war, wie [es], so hoffe ich fest, meine Nachfahren einmal haben werden.“ (Auszug aus dem Tagebuch von Ruth Meyer)

1932. Ruth Meyer lebt zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Ilse und ihren Eltern in einem schönen Haus in Krefeld, wo sie am liebsten Zeit in der benachbarten Villa des Seidenhändlers Merländer mit ihrer Freundin Rosi verbringt. Sie hat eine unbeschwerte Kindheit und Jugend, lernt das Nähen zu lieben und sie begegnet ihrer ersten großen Liebe Kurt. Die Sommer verbringt die Familie am liebsten mit der befreundeten Familie Aretz und Ruths Cousin Hans in der Sommerfrische.

Als jedoch die Nationalsozialisten an die Macht kommen, scheint es für die Familie keine Zukunft in Krefeld zu geben, denn die Meyers sind jüdisch. Mehrere befreundete Familien überlegen, auszuwandern und auch Ruth soll gegen ihren Willen von der Familie fortgehen. Doch bevor irgendjemand Entscheidungen treffen kann, kommt der Tag, an dem das Schicksal der Familie Meyer in Ruths Händen liegt …

„Jahre aus Seide“ ist der erste Teil von vier Bänden, die die Geschichte von Ruth und ihrer Familie erzählen. Die Romane basieren sowohl auf sehr ausführlichen Nachforschungen der Autorin, als auch auf Ruths Berichten aus ihrem Tagebuch, denn die Geschichte ist wahr. Die Familie Meyer lebte wirklich in Krefeld und in meinen Augen hat die Tatsache, dass all die Eindrücke, die aus Ruths Perspektive beschrieben sind, wahr sind, die Geschichte umso wertvoller und berührender gemacht. Ulrike Renk hat mich weinen, hoffen und lachen lassen, weil sie mich auf eine Reise zu einer Familie mitgenommen hat, die von einem Hochpunkt im Leben zu einem Tiefpunkt gesprungen ist und trotzdem nie gänzlich die Hoffnung verloren hat.

Die Familie Meyer war eine gut situierte jüdische Familie, was ihnen sehr vielen Punkten zum Verhängnis geworden ist, in anderen Momenten aber auch ein wenig geholfen hat. Die Romane sind die ganze Zeit aus Ruths Perspektive oder aber aus der eines allwissenden Erzählers geschrieben, wodurch man als Leser wirklich ganz nah an der echten Handlung und den echten Gefühlen dran ist. Ich habe die Romane verschlungen und geliebt, auch wenn es zwischenzeitlich echt schwierig war, das Gelesene zu verarbeiten. Es ist eine sehr tiefgründige Geschichte, die aber als leichte Lektüre verpackt ist und deshalb würde ich jedem, der an Einzelschicksalen, die es aber in tausendfacher Zahl gab, interessiert ist, empfehlen, sie Zeit für diese Romane zu nehmen.

Lena

Hättet ihr eure Familie verlassen, um zu arbeiten und mit der Mini-Hoffnung, dass ihr sie damit retten könnte? Und was habt ihr gefühlt, als Ilse und Ruth nach der Reichskristallnacht in die Friedrich-Ebert-Allee gekommen sind?

Der große Sommer (Ewald Arenz; 2021 – Dumont)

Der große Sommer (Ewald Arenz; 2021 – Dumont)

Unverhofft kommt oft: Statt die Familie in den Urlaub zu begleiten, muss Friedrich bei seinem strengen Großvater wohnen und für die Nachprüfungen lernen. Ausgerechnet dadurch erlebt er einen Sommer voller unerwarteter Abenteuer.

Anfang der 1980er Jahre. Friedrich ist am Ende der 9. Klasse in Mathe und Latein durchgefallen. Noch einmal kann er das Schuljahr nicht wiederholen, seine letzte Chance sind Nachprüfungen am Ende der Sommerferien. Als Erziehungsmaßnahme beschließen seine Eltern, ihn zu seinen Großeltern zu schicken. Ausgerechnet! Als Kind musste Friedrich seinen strengen Großvater siezen! Nana, seine Großmutter, konnte er schon immer gut leiden und sie unterstützt ihn vor allem am Anfang sehr. Nach und nach verbringt er mehr Zeit mit dem Großvater, lernt dessen Charakter zu schätzen und erfährt, dass man auf ganz unterschiedliche Art seine Liebe ausdrücken kann.

Friedrich bleibt nicht allein zurück: Seine Schwester Alma macht ein Praktikum im Altersheim und auch Johann, sein bester Freund, verreist nur für kurze Zeit. Als Friedrich dann auch noch Beate im flaschengrünen Badeanzug kennenlernt, scheinen die Ferien gerettet. Zu viert erleben sie einige Abenteuer, steigen nachts in Freibad ein oder machen Fotos im Steinbruch. Was soll da schon schiefgehen?

In diesem Sommer macht Friedrich viele erste Erfahrungen. Die erste Liebe, den ersten Sprung aus 7 ½ Metern Höhe, die erste Eigenständigkeit. Aber auch die erste große Verantwortung, das erste Mal Umgang mit Trauer. 

Ewald Arenz schafft es, einen in kurzer Zeit komplett in die Geschichte eintauchen zu lassen und sich sommerlich und frei zu fühlen. Die Handlung des Romans hat keinen richtigen Höhepunkt, sondern man lebt Friedrichs sehr unterschiedliche Wahrnehmungen und Erfahrungen mit. Trotzdem sind die Erlebnisse der Vier fesselnd, und man möchte das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen. Besonders schön sind die vielen ausführlichen Beschreibungen von Friedrichs feinfühligen Beobachtungen, Gefühlen und Gedanken. Der perfekte Roman für die Sommerferien! Liest sich übrigens auch sehr gut am Strand.

Majlis

Welchen der Vier fandet ihr am sympathischsten? Was gehört für euch zu einem erlebnisreichen Sommer?

Dies ist die Lösung zu Collage 13.