The Daughter of the Pirate King (Tricia Levenseller; 2017 – Square Fish)

The Daughter of the Pirate King (Tricia Levenseller; 2017 – Square Fish)

Fantasy-Romane sind toll, um andere Welten zu entdecken und in Geschichten einzutauchen, die ganz anders sind als unser Alltag. Trotzdem werden auch in ihnen oft Themen aus unserer Realität aufgegriffen: Umweltschutz, Rassismus oder Feminismus zum Beispiel. Als Kind lernt man schnell, dass Piraten so ein Jungsding sind. Nicht in diesem Roman. Denn auch Frauen können stark und geschickt im Kämpfen und Pläne Schmieden sein. Alle diese Eigenschaften besitzt die 17-jährige Alosa – die Tochter des Piratenkönigs.

Als Alosa entführt wird, ist der Triumph der Feinde groß. Mit der Tochter des Piratenkönigs Kalligan höchstpersönlich werden sie nicht nur an viel Lösegeld kommen, sondern vielleicht auch endlich die geheimen Quartiere Kalligans aufspüren können. Was Draxen und seine Männer, Alosas Entführer, nicht wissen: Alosa hat diese Entführung selbst geplant und in die Wege geleitet. Dies war die einzige Möglichkeit, um an Bord der „Night Farer“, Draxens Schiff, zu kommen. Denn dieses Schiff birgt einen besonderen Schatz.

Einmal an Bord wird Alosa allerdings zunächst in eine Zelle gesteckt, und sie wird von Draxens kleinem Bruder Riden verhört. Dabei stellt sich heraus, dass Riden deutlich mehr Gehirnmasse als sein Bruder besitzt und damit eine größerer Gefahr für Alosa darstellt. Doch Alosa hat so einige Asse im Ärmel. Beispielsweise gelingt es ihr, an den Schlüssel zu ihrer Zelle gelangen. Dadurch kann sie die erste Nacht nutzen, um die „Night Farer“ zu erkunden. Trotz ihrer Vorsicht wird sie dabei erwischt. Ausgerechnet von Riden. Dieser ergreift sofort Gegenmaßnahmen und postiert Wachen vor Alosas Zelle. Allerdings erwähnt er Alosas Ausbruch seinem Bruder gegenüber nicht. Was verheimlicht er?

Glücklicherweise hat Alosa noch einige Tricks parat. Schließlich wurde sie von ihrem Vater höchstpersönlich trainiert und dies ist nicht ihre erste Mission. Mehrere Nächte lang kann sie das Schiff weiterhin erkunden. Doch trotz all ihrer Bemühungen, unentdeckt zu bleiben, kommt ihr Riden immer wieder in die Quere. Hat er etwas gemerkt? Wie kann sie es bloß anstellen, so zu wirken, als wenn sie entkommen wollte, obwohl sie auf dem Schiff bleiben möchte?

Ein toller Fantasy-Roman, um einfach mal in eine andere Welt einzutauchen. Alosa wird als Frau oft unterschätzt und nicht ernst genommen. Trotzdem setzt sie sich durch und kann die Vorurteile manchmal sogar zu ihrem Vorteil nutzen. Diese feministischen Züge an der Geschichte haben mir sehr gut gefallen. Außerdem hat Tricia Levensteller noch weitere Handlungsstränge in die Geschichte mit eingebaut, die mich teilweise überrascht haben. Der Roman ist spannend und man fiebert mit. Zudem gibt es auch eine Liebesgeschichte, die aber passend zu dem Bild einer unabhängigen und eigenständigen Frau klein gehalten wird und nicht kitschig dargestellt ist. Die Geschichte kann man wunderbar in den Ferien lesen.

Majlis 

Wie steht ihr zu Feminismus in Fantasy-Büchern? Findet ihr es wichtig Alltagsthemen in fiktive Romane mit einzubauen, um ein Bewusstsein dafür zu schaffen, oder hättet ihr beim Lesen lieber eine Pause vom Alltag?

The Daughter of the Pirate King ist bisher noch nicht auf deutsch erschienen. 

Der Gesang der Flusskrebse (Delia Owens; 2018 – Heyne)

Der Gesang der Flusskrebse (Delia Owens; 2018 – Heyne)

„Kya erinnerte sich daran, dass Ma sie andauernd ermutigt hatte, die Marsch zu erkunden: ‚Geh soweit du kannst – bis dahin, wo die Flusskrebse singen.‘ “

Als der junge und sportliche Chase Andrews am Morgen des 30. Oktober 1969 tot am Fuß des alten Feuerwachturms aufgefunden wird, kocht die Gerüchteküche in dem Küstenort Barkley Cave in North Carolina. Einige behaupten, es wäre ein Unfall gewesen, andere sind sich sicher, dass es sich um einen Mord handeln muss. Eine Hauptverdächtige haben sie auch schon gefunden: das verrückte Marschmädchen.

1952 – Kya ist gerade mal sechs Jahre alt, als ihre Mutter sie, ihren Vater und ihre vier älteren Geschwister verlässt. Die Familie lebt zurückgezogen in einer kleinen Hütte im Marschland etwas außerhalb von Barkley Cave. Kya beschreibt ihren Vater als sehr wütenden Mann, was an seiner Alkoholsucht liegt. So ist es nicht verwunderlich, dass kurz nach dem Verschwinden der Mutter auch drei der älteren Geschwister das Zuhause verlassen. Selbst Jodie, Kyas Bruder, hält es mit dem Vater nicht mehr aus. Immerhin verabschiedet er sich als einziger von Kya, bevor auch er abhaut. 

Um ihren Vater nicht zu reizen, kümmert sich die nun siebenjährige Kya um den Haushalt, kauft Maisgrieß von dem wenigen Geld, das ihr Vater als Kriegsversehrter erhält, und lernt zu kochen. Schule ist nichts für sie, aber immerhin kommt sie mit ihrem Vater ganz gut zurecht und er nimmt sie mit auf seine Bootstouren durchs Marschland. Aber als Kya acht alt Jahre ist, verlässt auch ihr Vater sie. Also fängt sie an, Muscheln zu sammeln und verkauft sie an Jumpin‘, den Besitzer der örtlichen Bootstankstelle. Dessen Frau bekommt mit, dass das kleine Mädchen auf sich gestellt ist, und sammelt ab und zu Kleidung und Gebrauchsgegenstände für sie. Auf bewundernswerte Weise überlebt Kya und schafft es, komplett für sich selbst zu sorgen. Auf einer ihrer Bootstouren lernt sie Tate, einen ehemaligen Freund von Jodie, kennen, der sich mit ihr anfreundet und ihr neue Horizonte öffnet. Doch was machen die Einsamkeit und die Verachtung einer ganzen Stadt mit einem Menschen?

Der Roman ist unglaublich fesselnd! Die Atmosphäre zieht einen in den Bann und man möchte das Buch am liebsten gar nicht mehr weglegen. Die ausführlichen und bedacht formulierten Naturbeschreibungen sind bezaubernd und ästhetisch. Man sieht es quasi vor sich, wie Kya mit ihrem kleinen Boot durch die sonnenbeschienenen Lagunen schippert. Die Spannung des Romans wird dadurch aufgebaut, dass man abwechselnd von Kyas Leben und den Ermittlungen zu Chases Tod erfährt. Das Buch ist zugleich eine faszinierende Lebensgeschichte und eine unglaublich kenntnisreiche Naturschilderung, aber auch ein packender Krimi, der bis zur letzten Seite immer neue Wendungen nimmt.

Majlis

Welcher Aspekt an diesem vielfältigen Roman hat euch besonders gut gefallen? Könntet ihr euch vorstellen, für eine Weile so zu leben wie Kya?

how to (Randall Munroe; 2021 – Penguin Verlag)

how to (Randall Munroe; 2021 – Penguin Verlag)

Wie schafft man es, über einen Fluss zu gelangen? Da gibt es viele Möglichkeiten. Man kann durchwaten oder -schwimmen, ein Boot oder eine Brücke benutzen und – je nach Breite des Flusses – drüber springen. In Ausnahmefällen, wenn der Fluss im Winter gefroren ist, könnte man ganz bequem über die Wasseroberfläche spazieren. Im Sommer könnte das leider nur Jesus. Es gibt aber auch noch andere Ideen, auf die ich nicht gekommen wäre: Beispielsweise mit einem Drachen über den Fluss hinweg fliegen oder den Fluss einzudampfen.

Genau um solche Ideen geht es in dem Buch „how to“. Randall Munroe hat sich (mal mehr, mal weniger) alltägliche Fragen gestellt und diese auf so viele verschiedene Weisen wie möglich beantwortet. Das Buch ist nicht nur ziemlich witzig, da der Autor sehr abgedrehte Ideen vorstellt und das Ganze in einem betont nüchternen Schreibstil verpackt, sondern auch deshalb toll, weil Randall Munroe selbst die komischsten Lösungsansätze erklärt, physikalisch belegt und vorrechnet. Beispielsweise könnte die Singer-Songwriterin Carly Rae Jepsen einen Mikrowellenherd etwa 3,65 m weit werfen.

Besonders gut haben mir die kleinen Zeichnungen vom Autor selbst und die vielen Fußnoten gefallen. Hier ein paar Beispiele:

„Sollten Sie gerade keine 300 Millionen Teekessel haben1…“ –> 1 Weshalb auch immer…

„In der Atmosphäre ist jede Menge Sauerstoff enthalten2.“ –> 2 Stand 2019

„Im Meer gibt es eine Menge Wasser3…“ –> 3 [Beleg erforderlich]

Trotz der bloßen Gedankenspiele lernt man auch einiges beim Lesen und es macht einfach Spaß, außerhalb der Box zu denken. Ich kann das Buch allen empfehlen, die schon immer mal wissen wollten, wie man’s hinkriegt, ein Loch zu graben oder pünktlich zu sein.

Majlis

Welchen Tipp fandet ihr am hilfreichsten?

Felix ever after (Kacen Callender; 2020 – Lyx)

Felix ever after (Kacen Callender; 2020 – Lyx)

Wer bin ich? Eigentlich dachte der 17-jährige Felix Love, dass er diese Frage endlich für sich beantwortet hätte. Er ist ein Junge. Oder etwa nicht? Eine weitere wichtige Frage, die er sich stellt, ist: Bin ich liebenswert? Denn Felix war noch nie verliebt. Was wenn sich nie jemand in ihn verlieben wird?

Felix geht auf eine Kunstschule in New York und sein größter Traum ist es, ein Stipendium für die Brown University zu bekommen. Seitdem seine Mutter ihn und seinen Vater verlassen hat, reicht das Geld nur noch für das Nötigste und ganz sicher nicht dafür, ein Kunststudium zu bezahlen. Aber er hat sich immer noch nicht auf ein Thema für sein Portfolio festgelegt. Das Portfolio soll zeitgleich sein Abschlussprojekt des Schuljahres und seine Bewerbung für die Brown werden, doch mit der Arbeit hat er als einer von wenigen in seinem Acrylmalerei-Kurs noch nicht angefangen …

Dann passiert etwas, das ihn komplett aus der Bahn wirft. Als er morgens in die Schule kommt, muss er feststellen, dass jemand Fotos aus seiner Kindheit aufgehängt hat. Fotos vor seiner Transition. Gemeinsam mit seinem Deadname. Felix ist nämlich transsexuell. Obwohl er stolz darauf ist, möchte er mit seiner Vergangenheit abschließen und am liebsten alles, was ihn an seine Zeit als Mädchen erinnert, aus seinem Leben verbannen. Zum Glück steht ihm sein bester Freund Ezra direkt zur Seite und hängt die Bilder ab. Doch Felix reicht es nicht, dass man sie nicht mehr sieht. Er möchte herausfinden, wer hinter dieser ganzen Sache steckt, und er hat auch direkt schon einen Verdacht: Declan. Declan war mal mit Ezra zusammen und mit Felix befreundet, bis er die beiden von einem Tag auf den nächsten hat hängen lassen und sie seitdem gemein und herablassend behandelt. 

Felix beschließt, Declan eine Falle zu stellen, indem er einen Fake-Account bei Instagram erstellt und Declan anschreibt. Womit er nicht gerechnet hat: Eine ganz andere Seite von Declan zu Gesicht zu bekommen. Einen offenen und gefühlvollen Jungen, mit dem Felix sich stundenlang unterhalten kann. Was soll er davon halten? Auf der Suche nach sich selbst stößt Felix auf viele unerwartete Antworten. 

Felix ever after ist ein unglaublich toller Roman, den meiner Meinung nach alle Jugendlichen lesen sollten. Der Schreibstil ist sehr intensiv und lässt einen die Geschichte hautnah miterleben. Es ist sehr beeindruckend, darüber zu lesen, inwiefern Felix sich hinterfragt und zu welchen Themen er sich Gedanken macht. Zudem wird die Freundschaft zwischen Felix und seinem besten Freund Ezra wunderschön beschrieben und es hat mich sehr fasziniert, wie sehr Felix darüber nachdenkt, ob er überhaupt liebenswert ist. Denn im Alltag erfährt er als PoC (Person of Colour) und transsexueller und queerer Junge viele Anfeindungen, und es beschäftigt ihn täglich, dass seine Mutter die Familie verlassen hat. Auf der anderen Seite gibt es in seinem Freundeskreis viele Jugendliche, die selbst der LGBTQIA+ Community angehören und Felix nicht nur tolerieren, sondern seine Persönlichkeit als selbstverständlich betrachten.

Auch wenn ich mich mit dem Thema schon oft auseinandergesetzt habe, hat dieser Roman bei mir für noch mehr Verständnis und Selbstverständlichkeit gesorgt. Der Autor Kacen Callender ist selbst eine nicht-binäre, transmaskuline Person und wünscht sich, mit diesem Roman Jugendliche zu ermutigen, ihre Identität zu hinterfragen und zu finden. Der Roman ist super aktuell und ich kann allen nur empfehlen, dieses Buch zu lesen.

Majlis

Hat euch Felix’ Geschichte auch so berührt? Kanntet ihr schon alle in dem Roman genannten Informationen zum Thema LGBTQIA+, oder gab es auch Dinge, die neu für euch waren? 

Man vergisst nicht, wie man schwimmt (Christian Huber; 2022 – dtv)

Man vergisst nicht, wie man schwimmt (Christian Huber; 2022 – dtv)

„Sei einmal cool, Krüger!“ – Victor

Cool sein – das ist etwas, das Krüger sich schon lange wünscht. Doch eigentlich genau so lange hat er akzeptiert, dass er niemals cool sein wird. Krüger heißt eigentlich Pascal und er kann es kaum erwarten, dass der Sommer vorbei ist. Denn seitdem er nicht mehr schwimmen gehen kann, hasst er nichts mehr als den Sommer und die Hitze. Zum Glück ist es der 31. August 1999 und somit für Krüger der letzte Tag des Sommers.

Eigentlich hatte er den Tag im Bett verbringen wollen, doch dann steht sein bester Freund Victor vor der Tür, und die beiden beschließen, den Tag gemeinsam in ihrer verschlafenen Heimatstadt Bodenstein zu verbringen. In einem Elektro-Geschäft, in dem sie ein neues Videospiel ausprobieren, treffen sie auf ein Mädchen, das nicht nur ein neues Nokia-Handy, sondern auch Krügers Rucksack stiehlt. Natürlich müssen sie das Mädchen finden. Krüger, weil in dem Rucksack sein Notizbuch liegt, und Victor, weil er das Nokia mitgehen lassen möchte. Auf der Suche nach ihr treffen die beiden schließlich auf eine Spur, die sie zu einem Wanderzirkus etwas außerhalb der Stadt führt. Dort finden sie schließlich das Mädchen, das sich ihnen als Jacky vorstellt. Jacky scheint eigentlich ganz okay zu sein. Zumindest beeindruckt sie die beiden Jungs sehr mit ihren Messerwurf-Künsten. 

Spontan schmieden die drei einen Plan, um am Abend auf eine Party bei den beliebtesten Mädchen der Stadt zu gelangen. Dabei überschreiten sie auch einige Male die feine Grenze zwischen Mut und Leichtsinn …

Krüger lernt an diesem Tag viele neue Dinge. Zum Beispiel, dass es okay ist, nicht „cool“ zu sein, wie wichtig wahre Freundschaften sind oder dass es nichts Schlimmes ist, sich zu verlieben. Und auch, dass man nicht vergisst, wie man schwimmt.

Der Roman hat mich sehr fasziniert. Die gesamte Geschichte spielt an diesem einen Tag, dem 31. August 1999. Auch wenn das über zwanzig Jahre her ist, sind die jugendlichen Charaktere authentisch. Die vielseitigen Erlebnisse der Drei werden sehr detailliert und durchdacht aus Krügers Perspektive beschrieben. Christian Huber schafft es, einen kompletten Coming-of-age-Roman, der viele Themen, wie Freundschaft, den eigenen Körper, Liebe, aber auch Tod beinhaltet, an einem einzigen Tag spielen zu lassen, ohne dass es langweilig wird. Der Schreibstil sorgt dafür, dass man aus der Geschichte am liebsten gar nicht mehr auftauchen möchte. Der Roman zieht einen aber nicht nur durch seine tolle Erzählweise in den Bann, sondern auch durch Krügers viele Geheimnisse, z.B. warum er nicht mehr schwimmen kann, warum er Krüger genannt wird oder auch warum er sich nicht verlieben darf. Die Antworten darauf werden Stück für Stück immer wieder angedeutet und lassen einen eigene Theorien aufstellen. Krügers Geschichte ist sehr eindrucksvoll und beschäftigt einen auch noch nach dem Beenden des Buches. Der Roman macht gleichzeitig Lust auf Sommer und auf Abenteuer.

Majlis

Kennt ihr das Gefühl, dass manche Tage sich wie eine ganze Woche anfühlen?

Helles Land – Die Erwählte des heiligen Baumes (Mary E. Garner; 2021 – Lübbe)

Helles Land – Die Erwählte des heiligen Baumes (Mary E. Garner; 2021 – Lübbe)

„In goldenem Licht, das auf dem moos- und grasbewachsenen Boden mit grünen Schatten spielte, wuchsen Pflanzen aller Größen und Farben. […] Unsere Welt Helles Land vor etwa tausend Jahren. […] Die Einzigartigkeit einiger erstaunlicher Bäume wurde unseren Vorfahren jedoch erst bewusst, als unsere beiden Sonnen begannen, nicht mehr hinter-, sondern nebeneinander über unserer Welt zu erscheinen. […] Für die Menschen damals bedeutete die zentrierte Kraft der Sonnen die Gefährdung aller Lebensräume. Lichteichen hielten als einzige Wesen unserer Welt dieser neuen Herausforderung stand.“

Das „Helle Land“ ist seitdem ein anderes geworden. Die Menschen wurden gierig und schlugen die Lichteichen, um daraus sichere Häuser zu bauen. Ohne darauf zu achten, dass Lichteichen zwar sehr schnell wachsen, aber nur alle 300 Jahre genau 12 Samen ausbilden. So wurde das „Helle Land“ in drei Teile geteilt. Zunächst gibt es eine Stadt, die „Die Türme“ genannt wird und von einem Dach aus Lichteichenholz überspannt wird, in der eine altertümliche Hierarchie herrscht, die die Gesellschaft in Arm und Reich spaltet. Dann eine riesige Wüste, in der vereinzelt Savannah Dweller leben, und schließlich das „Refugium“. Das „Refugium“ ist ein grüner Fleck im Herzen der Wüste, der durch die einzige verbleibende Lichteiche geschützt und genährt wird. 

Im Refugium haben sich die Menschen in verschiedenen Dörfern organisiert. In einem dieser Dörfer lebt Clay, die Erwählte des heiligen Baumes. Die Bewohner des Refugiums verehren den Baum. Doch allein die Erwählte des heiligen Baumes und ihre Schülerinnen und Schüler kennen den Standort der Lichteiche. Als eine zwölfköpfige Delegation der „Türme“ bei ihrem jährlichen Besuch per Shunterreise, einer Art beamen, im Refugium auftaucht, läuft zunächst alles nach Plan. Doch schon am zweiten Tag verschwinden nicht nur Clays Lebensgefährte und einer der Delegierten, sondern es wird auch Clays Schülerin Camille niedergeschlagen. Es scheint sich um Entführungen zu handeln. Doch zu welchem Zweck? Mit den wenigen Spuren, die sie haben, machen sich Camille und Clay auf den Weg, um die Entführten zu finden. Suchen sie wirklich an der richtigen Stelle?

Mal wieder hat mich ein Roman von Mary E. Garner gefesselt. Den Anfang fand ich sehr verzaubernd. Zwischendrin zog es sich ein kleines bisschen, aber spätestens ab der Hälfte konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Besonders gut gefallen hat mir, dass man als Leser genauso wenig hinter die Pläne und Intrigen kommt, die Clay und Camille aufzudecken versuchen, wie die Protagonistinnen selbst. Man hat zwar viele Theorien, aber die werden immer wieder widerlegt. Auch das Ende fand ich großartig geschrieben, weil es einen ziemlichen Plot Twist gibt. Trotz der erfundenen Welt, geht es in diesem Roman auch um aktuelle Themen wie Naturschutz und gesellschaftliche Unterschiede. Ich kann den Roman nur empfehlen, vor allem wenn man Fantasy Romane und Natur mag.

Majlis

Würdet ihr gerne mal das Leben im Refugium ausprobieren? Wo würdet ihr euch am wohlsten fühlen: in den Türmen, bei den Savannah Dwellern oder im Refugium?

Beat it up (Stella Tack; 2020 – Knaur)

Beat it up (Stella Tack; 2020 – Knaur)

Summer und Xander Price sind Zwillinge, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Während Summer als Klavierwunderkind gilt und der Karriere ihrer Eltern als Konzertpianisten nachstrebt, hat Xander sich komplett von seinen Eltern losgesagt, um als DJ „Price X“ berühmt zu werden. Als Xander Summer bittet, ihm beim Schreiben eines Songs zu helfen, wie sie es früher schon ein paar Mal getan hat, will sie zunächst ablehnen, um ihre eigene Karriere als klassische Musikerin nicht aufs Spiel zu setzten. Doch dann gesteht Ethan, Summers bester Freund seit Kindertagen, ihr seine Liebe. Verwirrt und verunsichert ergreift sie die Gelegenheit beim Schopf, etwas Abstand zu gewinnen, und fliegt nach New York zu Xander.

Ein paar Wochen später wäre sie dort sowieso hingekommen, da sie eine Einladung zum Vorspiel für das New York Orchestra erhalten hat. Wenn sie bei diesem Vorspiel überzeugen könnte, würde endlich ihr großer Traum in Erfüllung gehen. Doch zuerst soll sie Xander bei seinem Song helfen. Den braucht er nämlich für das „Beat it up“. Das „Beat it up“ ist das größte Musikfestival Amerikas. DJs aus der ganzen Welt treten auf Bühnen in New York, Las Vegas, LA und vielen anderen Städten auf. Auch ein paar Nachwuchs-DJs wie Xander dürfen dabei sein. Und nicht nur das. Der beste von ihnen bekommt eine Europa-Tournee finanziert. 

In den Aufnahme-Studios muss Summer nicht nur mit Xanders mürrischen Mitarbeitern fertig werden, sondern trifft auch noch auf den arroganten, aber auch sehr attraktiven Gabriel Blazon, Xanders härtesten Konkurrenten.

Als der Song nach einer Woche endlich fertig aufgenommen ist, kommt Xander auf die Idee, dass Summer ihn während des Festivals quer durch die USA begleiten könnte. Dem stehen allerdings zwei Dinge entgegen. Zum einen möchte Summer sich intensiv auf das Vorspiel vorbereiten. Zum anderen hat sie schon seit langem physische Probleme, da mit ihrem absoluten Gehör auch eine akustische Hypersensibilität mit eingeht. Dadurch reagiert sie auf Lärm mit starken, lang anhaltenden Kopfschmerzen. Doch auch sie muss einsehen, dass Xander mit dem Vorwurf, dass sie sich jeglichem Spaß entziehen würde, Recht hat. Schließlich entscheidet sie sich doch mitzufahren. Nachdem sie eine erste Panikattacke, die durch den Lärm von tausenden von Menschen ausgelöst wurde, überstanden hat, lernt sie die immer muntere Tänzerin Payton kennen, die sich als eine wunderbare Freundin für Summer entpuppt. Doch schon wird ihre gute Laune gedämpft, als sie erfährt, dass sich Xander und sie nicht nur einen Bus mit Payton und einem weitern DJ teilen, sondern auch mit Gabriel Blazon. Kann das gut gehen?

”Beat it up” ist ein klassischer Enemies-to-Lovers Roman. Trotz des vorhersehbaren Endes hat mich das Buch sehr gefesselt. Ich konnte mich zwar nicht ganz mit Summer identifizieren, da ich selbst kein Problem damit hätte, ein Festival zu besuchen, aber sie war mir trotzdem direkt sympathisch. Stella Tack lässt einen das Gefühl haben, selbst bei einem bunten Festival in einer tanzenden Menge zu stehen oder mit der fröhlichen Payton Waffeln zu essen. Ein Gute-Laune-Roman, der trotz etwas Drama Lust auf Musik macht. Besonders gut hat mir Summers Persönlichkeitswandel gefallen, den Stella Tack sehr nachvollziehbar veranschaulicht hat. 

Majlis

Mögt ihr lieber klassische oder elektronische Musik? Wärt ihr gerne mal auf einem Festival wie dem „Beat it up“?

Im zweiten Band geht es dann um Xander und Rosie und im dritten treffen Payton und Ethan aufeinander.

Das Buch der gelöschten Wörter (Mary E. Garner; 2020 – Lübbe)

Das Buch der gelöschten Wörter (Mary E. Garner; 2020 – Lübbe)

Der erste Federstrich – Zwischen den Seiten – Die letzten Zeilen

Hope Turner liebt es in Buchwelten einzutauchen. Doch als sie auf Rufus Walker trifft, verändert sich nicht nur die Bedeutung dieses Satzes, sondern auch ihr ganzes Leben.

„Mrs. Gateway‘s Fine Books“ – so heißt der kleine Buchladen, in den Hope sich, eigentlich auf dem Weg zu ihrer Mutter im Pflegeheim, aufgrund eines plötzlichen Regenschauers flüchtet. Vor zwei Jahren, als sie nach London gezogen ist, war sie schon einmal hier. Doch da in dem Laden eine merkwürdige Atmosphäre und ein unglaublicher Gestank herrschten, hatte sie ihn seitdem nicht mehr betreten. Nun bleibt ihr, trotz desselben komischen Gefühls wie damals, nichts anderes übrig, als den Regen abzuwarten. Aus der Not heraus bestellt sie sogar ein Buch, um nicht unhöflich zu wirken. 

Beim Abholen eine Woche später kommt ihr der Laden gar nicht mehr so unfreundlich vor. Wieso riecht es bloß auf einmal nach frisch gebackenem Kuchen? Als sie dann auch noch ungeplant auf Rufus, einen Mann, den sie online kennengelernt hat, trifft und dieser sie ausgerechnet in diese Buchhandlung bringt, merkt sie endgültig, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht.

Von Rufus erfährt sie, dass sie als Trägerin des Namens „Turner“, der ja eigentlich nicht unüblich ist, eine besondere Gabe besitze, die in der Bücherwelt gebraucht werde. In der Bücherwelt? Hope würde am liebsten sofort wieder gehen, entschließt sich aber, Rufus eine Chance zu geben. Zu Recht, denn nachdem dieser ihr aus „Stolz und Vorurteil“ von Jane Austen vorgelesen hat, findet sich Hope tatsächlich in dem fiktiven Anwesen „Pemberley“ wieder. Träumt sie?

Von Jane Austens Roman aus wechselt sie – gemeinsam mit dem unerwartet mürrischen Rufus, der ähnlich wie sie eine Gabe besitzt, und seinen Gehilfen Gwen (Guinevere) und Lanc (Lancelot) aus der Artussage – in die Zentrale über. Die Zentrale ist ein buchneutraler Ort, von dem aus man in jegliche Bücherwelten gelangen kann. Hope kann es nicht fassen. Dies ist das Beste, was sich eine Bücherliebhaberin wie sie vorstellen kann. Doch ihre positive Überraschung wird bald getrübt, als sie den Grund erfährt, aus dem sie „eingeladen“ wurde. Kann es ihr gelingen, gemeinsam mit Gwen, Lanc und Rufus die Bücher- und Echtwelt zu retten? Was hat es mit dem gutaussehenden Kennon auf sich?

Diese Trilogie war definitiv ein Highlight für mich! Mehrere Wochen bin ich in die Geschichte eingetaucht und die Figuren sind mir total ans Herz gewachsen. Mary E. Garner hat einen wunderbaren Schreibstil, der einen – fast wie die Figuren der Geschichte – in diese Bücherwelt eintauchen lässt. Die Bücher bringen deutlich mehr Spannung und Rätsel mit sich, als ich es erwartet hätte und sind sehr fesselnd. Es hat mir gut gefallen, dass man selbst viele Theorien aufstellen konnte und dass die Figuren oft schnell Dinge erkannt haben, die man als Leser schon begriffen hatte. Die einzige Sache, die mich stutzen ließ, war Hopes Alter. Nach ihrem Verhalten hätte ich sie auf Mitte 20 geschätzt. Tatsächlich soll sie 42 Jahre alt sein. Ihr Alter spielt aber keine Rolle und macht sich kaum bemerkbar. Dadurch kann ich die Bücher Jugendlichen wie Erwachsenen empfehlen. Ein Must-Read für alle Bücherwürmer!

Majlis

In welches Buch würdet ihr gerne reisen können? 

Girl at heart (Kelly Oram; 2019 – one)

Girl at heart (Kelly Oram; 2019 – one)

“Hastings!” – so wird Charlie meistens von ihren Freunden angesprochen. Bei den Jungs ist das so üblich. Und als das eine Mädchen im Baseballteam und einzige Tochter eines alleinerziehenden Vaters ist Charlie diesen Tonfall längst gewöhnt. Doch als sie merkt, dass sie zu weiblich ist, um einer von den Jungs zu sein, und zu männlich, um sich wie ein Mädchen verhalten zu dürfen, ist ihr klar, dass sich etwas ändern muss.

Baseball ist Charlies Leben! Durch ihren Vater, einen ehemaligen Profispieler, ist sie von klein auf mit dem Sport und der Leidenschaft dafür aufgewachsen. Obwohl sie die Beste in ihrem Team ist, hat sie leider kaum Aussichten auf ein College-Stipendium. Deshalb will sie ihr letztes Jahr an der Highschool und ihre letzte Spielsaison genießen. Der Plan gerät allerdings ins Wanken, als keiner ihrer drei besten Freunde sie für den Abschlussball fragt und alle stattdessen bei der Vorstellung, sie in einem Kleid zu sehen, in Gelächter ausbrechen. Für Charlie ist klar: Sie braucht Veränderung. Als ihre Chance sieht sie den Ausstieg aus der Mannschaft. Kurz nach ihrem Gespräch mit dem Coach trifft Jace, der Teamkapitän, sie. Charlie schüttet ihm ihr Herz aus und er überzeugt sie, die Mannschaft nicht zu verlassen. Stattdessen stellt er den Kontakt zwischen Charlie und seiner Zwillingsschwester Leila, die der Inbegriff von Mädchen ist, her.

Ohne Freundinnen und ohne Mutter hat Charlie nie gelernt, sich wie ein Mädchen zu verhalten. Dinge wie Shopping Tours mit Leila oder eine Übernachtungsparty mit Leilas Freundinnen sind komplett neu für Charlie, doch sie stellt fest, dass sie diese neue Seite an sich mag. Ihr neues Selbstbewusstsein fängt allerdings an zu bröckeln, als sich ihre Freunde gar nicht begeistert über die veränderte Charlie zeigen. Charlie ist verwirrt und will sich nicht entscheiden müssen. Kann ihr der Spagat gelingen?

Kelly Oram hat mal wieder einen wunderbaren Roman geschrieben. Charlie ist total sympathisch und macht sich über viele Dinge Gedanken, über die man vielleicht selbst schon einmal nachgedacht hat. Man kann sich gut mit Charlie identifizieren. Ein paar Probleme und Kitsch sorgen für die nötige Spannung eines klassischen Jugendromans. Eine Geschichte über Selbstfindung, die ich Jugendlichen empfehlen kann!

Majlis

Verhaltet ihr euch gerne mädchenhaft oder findet ihr das anstrengend? Wie hättet ihr euch an Charlies Stelle entschieden?

Cinderella is dead (Kalynn Bayron; 2020 – Bloomsbury)

Cinderella is dead (Kalynn Bayron; 2020 – Bloomsbury)

Do not be silent. Raise your voice. Be a light in the dark.”

Wer kennt sie nicht, die Geschichte von Cinderella – das Mädchen, das ihren Traumprinzen gefunden hat. Wünschen wir uns nicht alle so ein glückliches Ende für uns selbst? Doch was, wenn das Glücklichsein zur Pflicht und das Happy End erzwungen wird?

Sophia lebt in Lille. Derselbe Ort, an dem vor 200 Jahren Cinderella gelebt hat. Seit deren Tod ist der Alltag der Menschen dort von Cinderellas Geschichte bestimmt. Regeln wie „jeder Haushalt muss eine Kopie von Cinderellas Geschichte Zuhause haben“ oder „der jährliche Ball ist für alle eingeladenen Mädchen verpflichtend“ klingen vielleicht harmlos und fast malerisch. Wäre da nicht die Tatsache, dass alle Mädchen ab dem Alter 16 zu dem Ball eingeladen werden und dieser einzig und allein dazu dient, die Mädchen zu verheiraten. Ab dem Moment, in dem sie „auserwählt“ werden, haben sie keine eigenen Rechte mehr. Zudem wird erwartet, dass man auf dem Ball erscheint, als hätte einen die gute Fee höchstpersönlich verzaubert, obwohl diese seit Cinderellas Verwandlung nie wieder gesehen wurde. Wer nicht angemessen festlich zum Ball erscheint oder bei seinem dritten Ball nicht erwählt wird, wird bestraft. Viele Familien, in denen der Mann das Sagen hat, sparen bereits lange vor dem 16. Geburtstag ihrer Töchter, um sie „gut“ zu verheiraten. 

Sophia findet nicht nur das System, das König Manford durchgesetzt hat, grundsätzlich furchtbar, sondern hat auch ihr ganz persönliches Problem damit: sie ist in ihre Freundin Erin verliebt, die bei dem Ball ebenfalls verheiratet werden soll. Für homosexuelle Menschen, wie Sophia, ist in Lille kein Platz, aber weglaufen ist auch keine Option. Die Grenzen werden, genau wie der Palast am Abend des Balls, streng bewacht. Trotzdem verlässt Sophia den Ball und schafft es sich vorerst im Wald zu verstecken. Dort trifft sie auf Constance – das Mädchen in den Jungsklamotten, das ihr eine ganz andere, bitterere Version von Cinderellas Geschichte erzählt. Auf der Suche nach Antworten treffen die zwei auf gut gehütete Geheimnisse, die sie dazu veranlassen einen Angriff auf König Manford zu planen. Doch was verbirgt sich hinter der Fassade des verschlossenen Königs?

Der Roman hat mir sowohl im Stil als auch inhaltlich sehr gut gefallen! Kalynn Bayron schreibt von starken Mädchen in einer fiktiven Welt. Sie vereint Themen wie Feminismus und Homosexualität und schreibt eine klassische und kitschige Geschichte neu. Ihre Beschreibungen der Landschaft und des Stadtlebens und ihr Schreibstil sind sehr anschaulich, sodass man das Gefühlt hat mit Sophia auf dem Ball zu sein oder mit Constance durch den Wald zu rennen. Ich kann das Buch allen empfehlen, die sich für Feminismus und Homosexualität interessieren und gleichzeitig gerne etwas weniger Kitsch haben.

Majlis

Würdet ihr gerne in Lille leben? Mögt ihr Erin oder Constance lieber?

Dies ist die Lösung zu Collage 15.