Ohne Fehl und Makel (Manfred Theisen; 2010 – cbj-Verlag)

Kann man es einem Kind, das von seinem Vater geschützt und geliebt wird, verdenken, wenn es ihm blind vertraut und ihm glaubt, was vermeintlich richtig und falsch ist?

Fritz liebt seinen Vater. Seine Mutter kam bei seiner Geburt ums Leben und nun lebt der Junge mit seinem Vater im Lebensborn in Wollanger, wo sie Säuglingen auf die Welt helfen. Fritz‘ Vater tut alles dafür, dass sein Sohn beschützt wird, nicht in den Krieg muss und behütet aufwächst. Jahrelang belügt er sein Umfeld, dass Fritz krank sei, nur damit er bei ihm bleiben kann.

Das Ziel des Lebensborns ist es, arische Kinder zur Welt zu bringen, wozu zu allen Mitteln gegriffen wird … Von seinem Vater wird Fritz nach der nationalsozialistischen Ideologie erzogen und steht selbst zu 100% dahinter. So widerspricht der Junge immer wieder seiner Freundin Maria, die aus Luxemburg stammt, aber mit ihrer Mutter zusammen im Lebensborn arbeitet, und versucht sie davon zu überzeugen, dass die Juden eine Rasse sind, die das deutsche Volk verunreinigten und dass es wichtig sei, dass viele gesunde Kinder großgezogen werden.

Als Marias Schwester Aniela, die erst sechzehn Jahre alt ist, ihr behindertes Kind zur Welt bringt, fängt Fritz an zu begreifen, dass der bessere Ort, wo dieses Kind hinkommen soll, vielleicht gar nicht so toll ist, wie sein Vater sagt. Aus Liebe zu Maria folgt er ihr und ihrer Schwester, als sie bei Nacht und Nebel fliehen. So gerät er jedoch zwischen zwei Fronten und weiß nicht so ganz genau, wem er nun trauen soll: seinem Vater oder doch Maria und ihrer Schwester? Fritz muss eine Entscheidung treffen …

Manfred Theisen erzählt eine fiktive Geschichte, die sich aber in etwa so in einem Lebensborn abgespielt haben könnte, aus der Sicht eines 14-jährigen Jungen, der versteht, dass „richtig“ und „falsch“ im Krieg nicht eindeutig zu definieren sind. Mich hat (mal wieder) erstaunt, wie ein Kind von dem Glauben und der Überzeugung seiner Eltern beeinflusst wird und was das für teilweise fatale Folgen haben kann. Mich hat dieser Roman gefesselt, da ich es spannend und erschreckend zugleich fand, wie real der Autor diese Geschichte erzählt hat. Ich war in der Lage, mich in die Situation von Fritz hinein zu versetzen, und ich war heilfroh, dass nicht ich eine Entscheidung zwischen meinem Vater und meiner Freundin treffen musste. Bei dieser Entscheidung ging es wohlgemerkt um Leben und Tod.

Ich bin begeistert von diesem Roman, der mir persönlich noch ein neues Kapitel aus dem Krieg offenbart hat, nämlich das der Lebensborne. Ich empfehle allen, die sich für die verschiedenen Facetten des 2. Weltkriegs interessieren, diesen Roman zu lesen, da man, wie bei so vielen Geschichten, ein wirklich reales Bild vor Augen geführt bekommt und sich beim Lesen zwangsläufig klar macht, wie gut es uns und den Kindern heute geht!

Lena

Glaubt ihr, ihr hättet euch gegen euren Vater und für eure Freundin entscheiden können, wenn ihr doch wisst, dass ihr von ihm geliebt werdet? Und denkt ihr, man kann es Kindern wie Fritz verdenken, die Ideologie des Nationalsozialismus für richtig zu halten?

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