Die Fliedertochter (Teresa Simon – 2019, Heyne-Verlag)

Die Fliedertochter (Teresa Simon – 2019, Heyne-Verlag)

Wenn deine Ersatz-Oma, zu der du ein richtig gutes Verhältnis hast, dich aus Berlin nach Wien schicken würde, um ein Erbstück abzuholen, von dem sie nicht weiß, wie sie Anspruch darauf haben kann – wärst du dann nicht auch tierisch aufgeregt?

2018 – Paulina reist also nach Wien. Toni, ihre quasi-Oma hat sie geschickt, weil sie aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr selber reisen kann. In Wien ist Paulina fasziniert von der Stadt und entdeckt voller Freude die verschiedenen Seiten. Dabei beschäftigt sie sich mit dem Erbstück, ein Tagebuch von einer ominösen Luzie. Sie versinkt in ihrer Lektüre und Moritz und Tamás, zwei Jungs, die durchaus fasziniert von der jungen Frau sind, helfen ihr, auf Luzies Spuren zu kommen. Paulina ist begeistert von Luzie und fühlt sich ihr auf eine tiefe Art verbunden. Ihre Gefühle werden dabei in jeder Hinsicht auf eine harte Probe gestellt …

1938 – Die Sängerin Luzie Kühn träumt von einer Karriere auf der Bühne, aber als Jüdin fühlt sie sich gezwungen Berlin zu verlassen und nach Wien zu Verwandten zu ziehen. Dort lebt sie zunächst das Leben, von welchem sie immer geträumt hat. Sie spielt Theater, verliebt sich in den Dichter Bela Król und hat ein tolles Umfeld. Bis die Nationalsozialisten auch nach Österreich kommen … Luzie ist zwar offiziell nicht mehr jüdisch, aber trotzdem hat sie mit dem neuen Regime zu kämpfen. Wagner, ein Angestellter am Theater hat sie auf dem Kieker und schreckt vor gar nichts zurück … er würde auch töten und an seine Ziele zu kommen. Luzie findet Rat und Zuflucht bei dem katholischen Bruder Franz, ein Mönch, den sie auf ihrer Zugfahrt kennenlernte. Aber kann man mit Freundschaft und Zuversicht den Krieg überstehen?

Ein fesselnder Roman, der den Leser durch die Zeiten mitnimmt. Teresa Simon hat mich gleich in zwei Geschichten reisen lassen und mir ging es wie Paulina: Ich habe mit Luzie geweint, gelacht, geliebt, gehasst, ich habe ihren Schmerz und ihre Verzweiflung gespürt. Wenn Paulina das Tagebuch weggelegt hat, dann musste ich auch manchmal eine Pause machen, denn Luzies Geschichte geht einem durch Mark und Bein und obwohl sie fiktiv ist, könnte sie sich so und noch schlimmer ereignet haben. Aber auch mit Paulina konnte ich mitfühlen. Auch sie ist mal fröhlich, mal traurig, verzweifelt und glücklich und als sie mit der Geschichte ihrer Familie konfrontiert wurde, stand ich ihr bei und hätte sie gerne in den Arm genommen.

Ich kann diesen Roman alles Lesern empfehlen, die auch gerne „Eine Nacht im November„, „Leas Spuren„, „Alles Licht, das wir nicht sehen“ oder andere Bücher, die die Judenverfolgung thematisieren gerne gelesen haben.

Lena

Was glaubt ihr, wie die Geschichte für Wagner ausgegangen ist? Hat er seine Strafe bekommen? Und wem ging es auch so, dass man manchmal einfach nicht weiterlesen konnte? Schreibt es in die Kommentare! 😊

Die Welle (Morton Rhue – 1981 – Ravensburger Verlag)

Die Welle (Morton Rhue – 1981 – Ravensburger Verlag)

„Sie hatten doch ihre eigenen Augen und ihren eigenen Verstand. Sie konnten selber denken. Niemand befolgt doch blind solche Befehle!“ (Zitat von Laurie aus „Die Welle“) – „Macht durch Disziplin! Macht durch Gemeinschaft! Macht durch Handeln!“ (Zitat aus „Die Welle“) Kann das die Antwort sein?

In seinem Geschichtsunterricht schaut Ben Ross mit seinem Kurs einen Film über die Geschehnisse in den Konzentrationslagern in Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Die Klasse ist zutiefst berührt von den Bildern und es lässt sie nicht los, dass Menschen zu solchen Taten in der Lage sind. Die Fragen seiner Schüler ließen den Lehrer den ganzen Tag lang nicht mehr los und er stellte sich die Frage, wie er ihnen beantworten konnte, warum sich Menschen so verhalten haben. Warum Menschen in der Lage waren, andere Menschen wegen ihrer Herkunft, wegen ihres Glaubens oder wegen einer speziellen Meinung zu verurteilen.

So beschloss er, mit seinen Schülern ein Experiment zu machen, in dem er sie in die Situation eines Soldaten brachte. Sie mussten im Unterricht stramm sitzen, aufstehen wenn sie etwas sagen wollten und kurze schnelle Antworten geben. Disziplin nannte Ross dies. Außenseiter wurden integriert, denn von nun an war jeder gleich. Gemeinschaft nannte Ross dies. Andere Schüler wurden animiert, der Welle, wie sich die Gruppe nannte, beizutreten. Handeln nannte Ross dies.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass Ben Ross mit seinem Experiment etwas Wunderbares geschaffen hat, denn alle schienen gleich zu sein und keiner stach mehr aus der Gruppe heraus, ob positiv oder negativ.

Doch ist dieses Experiment wirklich ein Erfolg? Laurie Saunders, die Chefredakteurin der Schülerzeitung, hat ihre Zweifel, als sie von immer mehr Schülern zu hören bekommt, dass sie gezwungen werden, sich der Welle anzuschließen … Was kreiert der junge Lehrer da in der Schule? Und was will er damit bezwecken? Hat er überhaupt eine Ahnung, was dort gerade passiert?

Morton Rhue hat wunderbar das Problem des Gruppenzwangs in Worte gefasst. Zudem thematisiert er das Streben nach Dazugehörigkeit und Gleichheit, was unter Schülern sehr ausgeprägt sein kann. Auch ich habe mir schon das ein oder andere Mal die Frage gestellt, wie es möglich gewesen sein kann, dass Menschen zu Zeiten des Nationalsozialismus solch schreckliche Taten gemacht haben. Dieses Buch liefert eine Art Antwort. Es rechtfertigt nicht, was damals geschehen ist, aber es legt offen, wie diese Gruppendynamik funktioniert hat und wie es möglich war, ein ganzes Volk unter seine Gewalt zu reißen.

Lena

Glaubt ihr, ihr hättet euch der Welle angeschlossen? Und findet ihr gut, dass Laurie sich treu bleibt und versucht, ihren Standpunkt zu vertreten? Schreibt es in die Kommentare! 😊

Eine Nacht im November (Katja Maybach; 2007 – Droemer Knauer Verlagsgruppe)

Eine Nacht im November (Katja Maybach; 2007 – Droemer Knauer Verlagsgruppe)

Wie würdest du reagieren, wenn du anlässlich der Beerdigung deiner Mutter erfährst, dass dein Vater ursprünglich mal deine Großmutter geliebt hat?

Sarah von Schröder ist die Tochter eines gefragten Anwalts in München und soll in Kürze heiraten und mit ihrem zukünftigen Ehemann die Kanzlei ihres Vaters übernehmen. Doch eine Woche vor der Hochzeit erfährt sie von dem Tod ihrer Mutter, die sie und ihren Vater verlassen hat, als Sarah fünf Jahre alt war. So fliegt sie spontan nach Paris, um endlich hinter die Geheimnisse ihrer Familie zu kommen, da sie sich erhofft, vor Ort mehr Antworten zu bekommen als von ihrem Vater. Doch in Paris angekommen wird sie alles andere als freundlich empfangen und als Tochter des Nazis bezeichnet. Dieser Vorwurf trifft Sarah tief und sie beschließt, länger in Paris zu bleiben, um mehr über die Vergangenheit ihrer Familie zu erfahren.

Als sie im Haus ihrer Mutter ein Foto von ihrem Vater mit ihrer Großmutter aus deren jungen Jahren entdeckt und mit ihrer hasserfüllten Großtante Lea in Kontakt kommt, ist Sarah kurz vor dem Verzweifeln und weiß gar nicht mehr, wem sie nun vertrauen kann und wer ihr die Wahrheit erzählt.

Rebecca ist Sarahs Großmutter. Sie ist Jüdin und lebte ihre Jugend in der Zeit des Nationalsozialismus. Sie spielte sehr gut Klavier und bewunderte den Musiker Eli Moses, den sie später auch heiratete. Aber welche Rolle spielte Rolf von Schröder in ihrem Leben? Und was ist in der Nacht vom 9. November geschehen, als Eli Moses, Sarahs Großvater, starb? Mit diesem Fragen reist Sarah nach Frankreich, aber die Person, die ihr erzählen könnte, wie es wirklich war, ist unerreichbar …

Ich war gefesselt und zutiefst beeindruckt von diesem Roman. Mich hat fasziniert, wie Katja Maybach die Vergangenheit, und somit der Zeit des Nationalsozialismus, mit der Gegenwart, in der wir leben, verknüpft hat. Ich habe mich mit Rebecca in Rolf verliebt und war mit Sarah zusammen wütend auf ihn. Ich habe Eli Moses durch Rebeccas Augen gesehen und ihn durch ihre Ohren gehört und habe somit ihren tiefen Schmerz gefühlt. In meinen Augen kommen in diesem Roman nur ein Bruchteil der Probleme zur Sprache, die der Nationalsozialismus hervorgerufen hat. Aber was das NS-Regime für Juden bedeutet hat wird beeindruckend lebensnah beschrieben und ich bin beeindruckt von den Eindrücken, die mir die Geschichte vermittelt hat.

Ganz zu Beginn hat mich das Buch sehr an „Leas Spuren“ von Bettina Storks erinnert und auch nach dem Lesen sage ich, dass die Grundidee der Romane dieselbe ist. Aber während sich der andere Roman auf den Kunstraub fokussiert, geht es in diesem Fall mehr um die Liebe und das Leben allgemein der Juden. Alle die Leser, die „Leas Spuren“ gelesen haben, werden mit Freude in diese Geschichte eintauchen, denn die Themen ergänzen sich ideal!

Lena

Könnt ihr verstehen, dass Sarah so wütend auf ihren Vater war? Und hat vielleicht einer von euch eine ähnliche Geschichte in der Familie? Schreibt es in die Kommentare! 😊