Das Leben wie sie es liebten (Anni Bürkl, 2021, Edition Texte und Tee)

„Das Leben wie sie es liebten“ ist der Auftakt zu drei Romanen über die bindende Kraft der Liebe im Leben dieser Frauen und ihrer Kinder – in einem Jahrhundert voll politischer Zerrissenheit.

1938 – Die junge Frau Loretta Patzak arbeitet in der Nervenheilanstalt ihres Vaters, ebenso wie ihr Mann Marek. Das Sanatorium befindet sich im sudetenländischen Reichenberg, das im zweiten Weltkrieg deutsch wird. Nach der Niederlage der Deutschen jedoch werden diese restlos aus dem Gebiet vertrieben und so verliert Loretta ihren geliebten tschechischen Mann aus den Augen …

1946 – Nach ihrer Vertreibung findet Loretta bei ihrer Tante Emmy in Wien Unterschlupf. Nach einigen anfänglichen Schwierigkeiten arrangieren sich die beiden miteinander und nehmen, zunächst gezwungenermaßen, sowohl die stille Ingrid als auch die Haushälterin Paula, die vor ihrem Mann floh, mit ihrer Tochter bei sich auf. Vervollständigt wird das Grüppchen von der fröhlichen Briefträgerin Ursula, die sich mit Loretta anfreundet und häufig bei der kleinen Wohngemeinschaft ein- und ausgeht. Die fünf Frauen überleben gemeinsam, indem sie Essen, Erfahrungen und Sorgen teilen und immer zusammen Lösungen zu suchen finden.

Um endlich Marek wiederzufinden, wendet sich Loretta an den russischen Besatzer Major Artjom, für den Loretta Ingrids neuen, amerikanischen, Liebhaber bespitzeln soll. Auf dieser Suche nach Spuren ihres aus den Augen verlorenen Liebhabers findet Loretta allerdings nicht nur Antworten auf ihre eigentlichen Fragen, denn plötzliche kommen auch noch andere, eigentlich verschollene, Geheimnisse aus dem Sudetenland zu Tage …

Anni Bürkl lässt sich Geschichte zum einen im Wechsel von den verschiedenen Frauen erzählen, zum anderen wechselt sie aber auch zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit. Man könnte meinen, dass man als Leser dadurch einen kleinen Vorteil gegenüber den Protagonisten hat, da man die Personen und die Umstände ja einzeln kennenlernt, jedoch bleibt die frappierende Überraschung am Ende trotzdem nicht aus. Ich war begeistert und geschockt zugleich, den der Roman verdeutlicht zwar einerseits, was wahre Freundschaft bedeutet und wie wichtig diese sein kann, andererseits fiel es mir aber echt schwer zu fassen, was damals in Nervenheilanstalten, die unter der Führung der Nationalsozialisten liefen, passierte.

Die Autorin arbeitet ein wichtiges, grausames und schwer zu begreifendes Stück der deutschen Geschichte sehr greifbar in ihrem Roman auf und durch die literarisch recht leichte, intellektuell jedoch zentnerschwere Lektüre bekommt man einen wunderbaren Einblick in diesen Teil Geschichte. Ich habe den Roman verschlungen und kann ihn eigentlich jedem empfehlen! Vielleicht kennt jemand auch die Reihe von Melanie Metzenthin – „Im Lautlosen“ / „Im Stimmlosen“ … – ? Wenn ihr diese Bücher gerne gelesen habt, dann ist „Das Leben wie sie es liebten“ in jedem Fall auch etwas für euch!

Lena

Hättet ihr das Ende erahnt? Für mich war es irgendwie total unvorhersehbar …

2 Gedanken zu „Das Leben wie sie es liebten (Anni Bürkl, 2021, Edition Texte und Tee)

  • 12. September 2021 um 15:24
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    Hallo Ihr Zwei,

    Nervenheilanstalten haben einen schlimmen Ruf…um es mal vorsichtig aus zudrücken…was da nicht alles im Namen der besseren Gesundheit der jeweiligen Menschen/Personen erdacht wurde möchte ich mir ja nicht so genau vorstellen und wissen und ich glaube, da spielt zumindest für die Vergangenheit ….die Zeit und der Ort/Örtlichkeit keine so tolle Rolle….oder wer sich an den Menschen versucht hat…

    LG…Karin..

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    • 15. Oktober 2021 um 8:59
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      Hallo Karin,
      dein Kommentar ist mir zunächst durchgerutscht, dabei wollte ich dir doch unbedingt noch antworten. Denn mich interessiert das Thema Nervenheilanstalten ganz besonders und gerade zu Zeiten des dritten Reiches ist es wirklich grausam, was da passiert ist.
      Es klingt so, als würde dich dieses Thema auch interessieren? Dann habe ich einen Buchtipp für dich: Kennst du die Bücher „Im Lautlosen“ und „Die Stimmlosen“ von Melanie Metzenthin? Ich habe sie verschlungen und lese sie jetzt gerade zum dritten Mal … demnächst möchte ich auch ein bisschen was dazu bei uns auf dem Blog teilen und vielleicht ist das ja was für dich.
      Liebe Grüße, Lena

      Antwort

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